Der Wille zur Macht: Eine Auslegung alles Geschehens
Kapitel 638
Die zwei Wege. – Es kommt ein Zeitpunkt, wo der Mensch Kraft im
Überfluß zu Diensten hat: die Wissenschaft ist darauf aus, diese Sklaverei der Natur herbeizuführen.
Dann bekommt der Mensch Muße: sich selbst auszubilden zu etwas Neuem,
Höherem. Neue Aristokratie. Dann werden eine Menge Tugenden überlebt, die jetzt Existenzbedingungen waren. – Eigenschaften nicht mehr nötig haben, folglich sie verlieren. Wir haben die Tugenden nicht mehr nötig: folglich verlieren wir sie (– sowohl die Moral vom „Eins ist not“, vom Heil der Seele, wie der Unsterblichkeit: sie waren Mittel, um dem Menschen eine ungeheure Selbstbezwingung zu ermöglichen, durch den Affekt einer ungeheuren Furcht : : :).
Die verschiedenen Arten Not, durch deren Zucht der Mensch geformt ist: Not
lehrt arbeiten, denken, sich zügeln.
Die physiologische Reinigung und Verstärkung. Die neue Aristokratie hat
einen Gegensatz nötig, gegen den sie ankämpft: sie muß eine furchtbare Dringlichkeit haben, sich zu erhalten.
Die zwei Zukünfte der Menschheit: 1. die Konsequenz der
Vermittelmäßigung; 2. das bewußte Abheben, Sich-Gestalten.
Eine Lehre, die eine Kluft schafft: sie erhält die oberste und die niedrigste
Art (sie zerstört die mittlere).
Die bisherigen Aristokraten, geistliche und weltliche, beweisen nichts gegen
die Notwendigkeit einer neuen Aristokratie.