Der Wille zur Macht: Eine Auslegung alles Geschehens

Friedrich Nietzsche · Kapitel 35 von 256

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Der Wille zur Macht: Eine Auslegung alles Geschehens

Kapitel 39

 

Die Zeit kommt, wo wir dafür bezahlen müssen, zwei Jahrtausende lang

Christen gewesen zu sein: wir verlieren das Schwergewicht, das uns leben ließ, – wir wissen eine Zeitlang nicht, wo aus noch ein. Wir stürzen jählings in die entgegengesetzten Wertungen, mit dem gleichen Maße von Energie, das eben eine solche extreme Überwertung des Menschen im Menschen erzeugt hat.

Jetzt ist alles durch und durch falsch, „Wort“, durcheinander, schwach oder

überspannt:

a) man versucht eine Art von irdischer Lösung, aber im gleichen Sinne, in

dem des schließlichen Triumphs von Wahrheit, Liebe, Gerechtigkeit (der Sozialismus: „Gleichheit der Person“);

b) man versucht ebenfalls das Moral-Ideal festzuhalten (mit dem Vorrang des

Unegoistischen, der Selbstverleugnung, der Willensverneinung);

c) man versucht selbst das „Jenseits“ festzuhalten: sei es auch nur als

antilogisches x; aber man deutet es sofort so aus, daß eine Art metaphysischer Trost alten Stils aus ihm gezogen werden kann;

d) man versucht die göttliche Leitung alten Stils, die belohnende,

bestrafende, erziehende, zum Besseren führende Ordnung der Dinge aus dem Geschehen herauszulesen;

e) man glaubt nach wie vor an Gut und Böse: so, daß man den Sieg des Guten

und die Vernichtung des Bösen als Aufgabe empfindet (– das ist englisch, typischer Fall der Flachkopf John Stuart Mill);

f) die Verachtung der „Natürlichkeit“, der Begierde, des ego: Versuch, selbst die

höchste Geistlichkeit und Kunst als Folge einer Entpersönlichung und als désintéressement zu verstehen;

g) man erlaubt der Kirche, sich immer noch in alle wesentlichen Erlebnisse

und Hauptpunkte des Einzellebens einzudrängen, um ihnen Weihe, höheren Sinn zu geben: wir haben noch immer den „christlichen Staat“, die „christliche Ehe“ –