Der Wille zur Macht: Eine Auslegung alles Geschehens

Friedrich Nietzsche · Kapitel 185 von 256

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Der Wille zur Macht: Eine Auslegung alles Geschehens

Kapitel 602

 

Die Notwendigkeit zu erweisen, daß zu einem immer ökonomischeren

Verbrauch von Mensch und Menschheit, zu einer immer fester ineinander verschlungenen „Maschinerie“ der Interessen und Leistungen eine Gegenbewegung gehört. Ich bezeichne dieselbe als Ausscheidung eines Luxusüberschusses der Menschheit: in ihr soll eine stärkere Art, ein höherer Typus ans Licht treten, der andre Entstehungs- und andre Erhaltungsbedingungen hat als der Durchschnittsmensch. Mein Begriff, mein Gleichnis für diesen Typus ist, wie man weiß, das Wort „Übermensch“.

Auf jenem ersten Wege, der vollkommen jetzt überschaubar ist, entsteht die

Anpassung, die Abflachung, das höhere Chinesentum, die Instinktbescheidenheit, die Zufriedenheit in der Verkleinerung des Menschen, – eine Art Stillstandsniveau des Menschen. Haben wir erst jene unvermeidlich bevorstehende Wirtschaftsgesamtverwaltung der Erde, dann kann die Menschheit als Maschinerie in deren Diensten ihren besten Sinn finden: – als ein ungeheures Räderwerk von immer kleineren, immer feiner „anzupassenden“ Rädern; als ein immer wachsendes Überflüssigwerden aller dominierenden und kommandierenden Elemente; als ein Ganzes von ungeheurer Kraft, dessen einzelne Faktoren Minimalkräfte, Minimalwerte darstellen.

Im Gegensatz zu dieser Verkleinerung und Anpassung der Menschen an eine

spezialisiertere Nützlichkeit bedarf es der umgekehrten Bewegung, – der Erzeugung des synthetischen, des summierenden, des rechtfertigenden Menschen, für den jene Machinalisierung der Menschheit eine Daseinsvorausbedingung ist, als ein Untergestell, auf dem er seine höhere Form, zu sein, sich erfinden kann.

Er braucht die Gegnerschaft der Menge, der „Nivellierten“, das

Distanzgefühl im Vergleich zu ihnen; er steht auf ihnen, er lebt von ihnen. Diese höhere Form des Aristokratismus ist die der Zukunft. – Moralisch geredet, stellt jene Gesamtmaschinerie, die Solidarität aller Räder, ein Maximum in der Ausbeutung des Menschen dar: aber sie setzt solche voraus, deretwegen diese Ausbeutung Sinn hat. Im anderen Falle wäre sie tatsächlich bloß die Gesamtverringerung, Wertverringerung des Typus Mensch, – ein Rückgangsphänomen im größten Stile.

– Man sieht, was ich bekämpfe, ist der ökonomische Optimismus: wie als ob

mit den wachsenden Unkosten aller auch der Nutzen aller notwendig wachsen müßte. Das Gegenteil scheint mir der Fall: die Unkosten aller summieren sich zu einem Gesamtverlust: der Mensch wird geringer: – so daß man nicht mehr weiß, wozu überhaupt dieser ungeheure Prozeß gedient hat. Ein Wozu? ein neues Wozu? – das ist es, was die Menschheit nötig hat.