Der Wille zur Macht: Eine Auslegung alles Geschehens

Friedrich Nietzsche · Kapitel 45 von 256

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Der Wille zur Macht: Eine Auslegung alles Geschehens

Kapitel 50

 

Das gefährlichste Mißverständnis. – Es gibt einen Begriff, der

anscheinend keine Verwechslung, keine Zweideutigkeit zuläßt: das ist der der Erschöpfung. Diese kann erworben sein; sie kann ererbt sein, – in jedem Falle verändert sie den Aspekt der Dinge, den Wert der Dinge....

Im Gegensatz zu dem, der aus der Fülle, welche er darstellt und fühlt,

unfreiwillig abgibt an die Dinge, sie voller, mächtiger, zukunftsreicher sieht, – der jedenfalls schenken kann –, verkleinert und verhunzt der Erschöpfte alles, was er sieht, – er verarmt den Wert: er ist schädlich....

Hierüber scheint kein Fehlgriff möglich: trotzdem enthält die Geschichte die

schauerliche Tatsache, daß die Erschöpften immer verwechselt worden sind mit den Vollsten – und die Vollsten mit den Schädlichsten.

Der Arme an Leben, der Schwache, verarmt noch das Leben: der Reiche an

Leben, der Starke, bereichert es.... Der erste ist dessen Parasit: der zweite ein Hinzu-Schenkender.... Wie ist eine Verwechslung möglich?....

Wenn der Erschöpfte mit der Geberde der höchsten Aktivität und Energie

auftrat (wenn die Entartung einen Exzeß der geistigen oder nervösen Entladung bedingte), dann verwechselte man ihn mit dem Reichen... Er erregte Furcht... Der Kultus des Narren ist immer auch der Kultus des An-Leben-Reichen, des Mächtigen. Der Fanatiker, der Besessene, der religiöse Epileptiker, alle Exzentrischen sind als höchste Typen der Macht empfunden worden: als göttlich.

Diese Art Stärke, die Furcht erregt, galt vor allem als göttlich: von hier nahm

die Autorität ihren Ausgangspunkt, hier interpretierte, hörte, suchte man Weisheit.... Hieraus entwickelte sich überall beinahe ein Wille zur „Vergöttlichung“, das heißt, zur typischen Entartung von Geist, Leib und Nerven: ein Versuch, den Weg zu dieser höheren Art Sein zu finden. Sich krank, sich toll machen, die Symptome der Zerrüttung provozieren – das hieß stärker, übermenschlicher, furchtbarer, weiser werden: – man glaubte damit so reich an Macht zu werden, daß man abgeben konnte. Überall, wo angebetet worden ist, suchte man einen, der abgeben kann.

Hier war irreführend die Erfahrung des Rausches. Dieser vermehrt im

höchsten Grade das Gefühl der Macht, folglich, naiv beurteilt, die Macht. – Auf der höchsten Stufe der Macht mußte der Berauschteste stehen, der Ekstatische. (– Es gibt zwei Ausgangspunkte des Rausches: die übergroße Fülle des Lebens und einen Zustand von krankhafter Ernährung des Gehirns.)