Der Wille zur Macht: Eine Auslegung alles Geschehens
Kapitel 674
Ein kleiner tüchtiger Bursch wird ironisch blicken, wenn man ihn fragt: „Willst
du tugendhaft werden?“ – aber er macht die Augen auf, wenn man ihn fragt: „Willst du stärker werden als deine Kameraden?“
Wie wird man stärker? – Sich langsam entscheiden, und zähe festhalten an dem,
was man entschieden hat. Alles andere folgt.
Die Plötzlichen und die Veränderlichen: die beiden Arten der Schwachen.
Sich nicht mit ihnen verwechseln; die Distanz fühlen – beizeiten!
Vorsicht vor den Gutmütigen! Der Umgang mit ihnen erschlafft. Jeder Umgang
ist gut, bei dem die Wehr und Waffen, die man in den Instinkten hat, geübt werden. Die ganze Erfindsamkeit darin, seine Willenskraft auf die Probe zu stellen.... Hier das Unterscheidende sehen, nicht im Wissen, Scharfsinn, Witz.
Man muß befehlen lernen, beizeiten, – ebensogut als gehorchen. Man muß
Bescheidenheit, Takt in der Bescheidenheit lernen: nämlich auszeichnen, ehren, wo man bescheiden ist; ebenso mit Vertrauen – auszeichnen, ehren.
Was büßt man am schlimmsten? Seine Bescheidenheit; seinen eigensten
Bedürfnissen kein Gehör geschenkt zu haben; sich verwechseln; sich niedrig nehmen; die Feinheit des Ohrs für seine Instinkte einbüßen; – dieser Mangel an Ehrerbietung gegen sich rächt sich durch jede Art von Einbuße: Gesundheit, Freundschaft, Wohlgefühl, Stolz, Heiterkeit, Freiheit, Festigkeit, Mut. Man vergibt sich später diesen Mangel an echtem Egoismus nie: man nimmt ihn als Einwand, als Zweifel an einem wirklichen ego.