Der Wille zur Macht: Eine Auslegung alles Geschehens

Friedrich Nietzsche · Kapitel 136 von 256

PDF-Seiten

Der Wille zur Macht: Eine Auslegung alles Geschehens

Kapitel 539

 

Was ist Romantik? – In Hinsicht auf alle ästhetischen Werte bediene ich

mich jetzt dieser Grundunterscheidung: ich frage in jedem einzelnen Falle, „ist hier der Hunger oder der Überfluß schöpferisch geworden?“ Von vornherein möchte sich eine andre Unterscheidung besser zu empfehlen scheinen – sie ist bei weitem augenscheinlicher – nämlich die Unterscheidung, ob das Verlangen nach Starrwerden, Ewigwerden, nach „Sein“ die Ursache des Schaffens ist, oder aber das Verlangen nach Zerstörung, nach Wechsel, nach Werden. Aber beide Arten des Verlangens erweisen sich, tiefer angesehen, noch als zweideutig, und zwar deutbar eben nach jenem vorangestellten und mit Recht, wie mich dünkt, vorgezogenen Schema.

Das Verlangen nach Zerstörung, Wechsel, Werden kann der Ausdruck der

übervollen, zukunftsschwangern Kraft sein (mein Terminus dafür ist, wie man weiß, das Wort „dionysisch“); es kann aber auch der Haß der Mißratnen, Entbehrenden, Schlechtweggekommenen sein, der zerstört, zerstören muß, weil ihn das Bestehende, ja alles Bestehen, alles Sein selbst empört und aufreizt.

„Verewigen“ andrerseits kann einmal aus Dankbarkeit und Liebe kommen: –

eine Kunst dieses Ursprungs wird immer eine Apotheosenkunst sein, dithyrambisch vielleicht mit Rubens, selig mit Hafis, hell und gütig mit Goethe, und einen homerischen Glorienschein über alle Dinge breitend; – es kann aber auch jener tyrannische Wille eines Schwerleidenden sein, welcher das Persönlichste, Einzelnste, Engste, die eigentliche Idiosynkrasie seines Leidens noch zum verbindlichen Gesetz und Zwang stempeln möchte, und der an allen Dingen gleichsam Rache nimmt, dadurch, daß er ihnen sein Bild, das Bild seiner Tortur aufdrückt, einzwängt, einbrennt. Letzteres ist romantischer Pessimismus in der ausdrucksvollsten Form: sei es als Schopenhauersche Willensphilosophie, sei es als Wagnersche Musik.