Der Wille zur Macht: Eine Auslegung alles Geschehens

Friedrich Nietzsche · Kapitel 53 von 256

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Der Wille zur Macht: Eine Auslegung alles Geschehens

3. Krisis.

58.

 

Ich habe das Glück, nach ganzen Jahrtausenden der Verirrung und Verwirrung

den Weg wiedergefunden zu haben, der zu einem Ja und einem Nein führt.

Ich lehre das Nein zu allem, was schwach macht, – was erschöpft. Ich lehre das Ja zu allem, was stärkt, was Kraft aufspeichert, was das Gefühl der

Kraft rechtfertigt.

Man hat weder das eine noch das andere bisher gelehrt: man hat Tugend,

Entselbstung, Mitleiden, man hat selbst Verneinung des Lebens gelehrt. Dies sind alles Werte der Erschöpften.

Ein langes Nachdenken über die Physiologie der Erschöpfung zwang mich zu

der Frage, wie weit die Urteile Erschöpfter in die Welt der Werte eingedrungen seien.

Mein Ergebnis war so überraschend wie möglich, selbst für mich, der in

mancher fremden Welt schon zu Hause war: ich fand alle obersten Werturteile, alle, die Herr geworden sind über die Menschheit, mindestens zahm gewordene Menschheit, zurückführbar auf die Urteile Erschöpfter.

Unter den heiligsten Namen zog ich die zerstörerischen Tendenzen heraus; man

hat Gott genannt, was schwächt, Schwäche lehrt, Schwäche infiziert... ich fand, daß der „gute Mensch“ eine Selbstbejahungsform der décadence ist.

Jene Tugend, von der noch Schopenhauer gelehrt hat, daß sie die oberste, die

einzige und das Fundament aller Tugenden sei: eben jenes Mitleiden erkannte ich als gefährlicher, als irgendein Laster. Die Auswahl in der Gattung, ihre Reinigung vom Abfall grundsätzlich kreuzen – das hieß bisher Tugend par excellence....

Man soll das Verhängnis in Ehren halten; das Verhängnis, das zum

Schwachen sagt „geh zugrunde!“...

Man hat es Gott genannt, daß man dem Verhängnis widerstrebte, – daß man die

Menschheit verdarb und verfaulen machte.... Man soll den Namen Gottes nicht unnützlich führen....

Die Rasse ist verdorben – nicht durch ihre Laster, sondern ihre Ignoranz: sie ist

verdorben, weil sie die Erschöpfung nicht als Erschöpfung verstand: die physiologischen Verwechslungen sind die Ursache alles Übels....

Die Tugend ist unser großes Mißverständnis.

Problem: wie kamen die Erschöpften dazu, die Gesetze der Werte zu machen? Anders gefragt: wie kamen die zur Macht, die die Letzten sind?.... Wie kam der Instinkt des Tieres Mensch auf den Kopf zu stehen?....