Der Wille zur Macht: Eine Auslegung alles Geschehens
Kapitel 522
Es sind die Ausnahmezustände, die den Künstler bedingen: alle, die mit
krankhaften Erscheinungen tief verwandt und verwachsen sind: so daß es nicht möglich scheint, Künstler zu sein und nicht krank zu sein.
Die physiologischen Zustände, welche im Künstler gleichsam zur „Person“
gezüchtet sind und die an sich in irgendwelchem Grade dem Menschen überhaupt anhaften:
1. der Rausch: das erhöhte Machtgefühl; die innere Nötigung, aus den Dingen
einen Reflex der eignen Fülle und Vollkommenheit zu machen;
2. die extreme Schärfe gewisser Sinne: so daß sie eine ganz andre
Zeichensprache verstehen – und schaffen, – dieselbe, die mit manchen Nervenkrankheiten verbunden erscheint –; die extreme Beweglichkeit, aus der eine extreme Mitteilsamkeit wird; das Redenwollen alles dessen, was Zeichen zu geben weiß –; ein Bedürfnis, sich gleichsam loszuwerden durch Zeichen und Gebärden; Fähigkeit, von sich durch hundert Sprachmittel zu reden, – ein explosiver Zustand. Man muß sich diesen Zustand zunächst als Zwang und Drang denken, durch alle Art Muskelarbeit und Beweglichkeit die Exuberanz der inneren Spannung loszuwerden: sodann als unfreiwillige Koordination dieser Bewegung zu den inneren Vorgängen (Bildern, Gedanken, Begierden), – als eine Art Automatismus des ganzen Muskelsystems unter dem Impuls von innen wirkender starker Reize –; Unfähigkeit, die Reaktion zu verhindern; der Hemmungsapparat gleichsam ausgehängt. Jede innere Bewegung (Gefühl, Gedanke, Affekt) ist begleitet von Vaskularveränderungen und folglich von Veränderungen der Farbe, der Temperatur, der Sekretion. Die suggestive Kraft der Musik, ihre „suggestion mentale“; –
3. das Nachmachen-müssen: eine extreme Irritabilität, bei der sich ein
gegebenes Vorbild kontagiös mitteilt, – ein Zustand wird nach Zeichen schon erraten und dargestellt.... Ein Bild, innerlich auftauchend, wirkt schon als Bewegung der Glieder –, eine gewisse Willensaushängung.... (Schopenhauer!!!!) Eine Art Taubsein, Blindsein nach außen hin, – das Reich der zugelassenen Reize ist scharf umgrenzt.
Dies unterscheidet den Künstler vom Laien (dem künstlerisch Empfänglichen):
letzterer hat im Aufnehmen seinen Höhepunkt von Reizbarkeit; ersterer im Geben, – dergestalt, daß ein Antagonismus dieser beiden Begabungen nicht nur natürlich, sondern wünschenswert ist. Jeder dieser Zustände hat eine umgekehrte Optik, – vom Künstler verlangen, daß er sich die Optik des Zuhörers (Kritiker –) einübe, heißt verlangen, daß er sich und seine schöpferische Kraft verarme.... Es ist hier wie bei der Differenz der Geschlechter: man soll vom Künstler, der gibt, nicht verlangen, daß er Weib wird, – daß er „empfängt“.
Unsere Ästhetik war insofern bisher eine Weibsästhetik, als nur die
Empfänglichen für Kunst ihre Erfahrungen „was ist schön?“ formuliert haben. In der ganzen Philosophie bis heute fehlt der Künstler.... Das ist, wie das Vorhergehende andeutete, ein notwendiger Fehler: denn der Künstler, der anfinge, sich zu begreifen, würde sich damit vergreifen, – er hat nicht zurückzusehen, er hat überhaupt nicht zu sehen, er hat zu geben. – Es ehrt einen Künstler, der Kritik unfähig zu sein, – andernfalls ist er halb und halb, ist er „modern“.