Der Wille zur Macht: Eine Auslegung alles Geschehens
Kapitel 546
Ich unterscheide einen Typus des aufsteigenden Lebens und einen andern des
Verfalls, der Zersetzung, der Schwäche. Sollte man glauben, daß die Rangfrage zwischen beiden Typen überhaupt noch zu stellen ist?....
547.
Die Rangordnung der Menschenwerte. –
a) Man soll einen Menschen nicht nach einzelnen Werken abschätzen.
Epidermalhandlungen. Nichts ist seltener als eine Personalhandlung. Ein Stand, ein Rang, eine Volksrasse, eine Umgebung, ein Zufall – alles drückt sich eher noch in einem Werke oder Tun aus als eine „Person“.
b) Man soll überhaupt nicht voraussetzen, daß viele Menschen „Personen“ sind.
Und dann sind manche auch mehrere Personen, die meisten sind keine. Überall, wo die durchschnittlichen Eigenschaften überwiegen, auf die es ankommt, daß ein Typus fortbesteht, wäre Person-Sein eine Vergeudung, ein Luxus, hätte es gar keinen Sinn, nach einer „Person“ zu verlangen. Es sind Träger, Transmissionswerkzeuge.
c) Die „Person“ ein relativ isoliertes Faktum; in Hinsicht auf die weit größere
Wichtigkeit des Fortflusses und der Durchschnittlichkeit, somit beinahe etwas Widernatürliches. Zur Entstehung der Person gehört eine zeitige Isolierung, ein Zwang zu einer Wehr- und Waffenexistenz, etwas wie Einmauerung, eine größere Kraft des Abschlusses; und vor allem eine viel geringere Impressionabilität, als sie der mittlere Mensch, dessen Menschlichkeit kontagiös ist, hat.
Erste Frage in betreff der Rangordnung: wie solitär oder wie
herdenhaft jemand ist. (Im letztern Falle liegt sein Wert in den Eigenschaften, die den Bestand seiner Herde, seines Typus sichern; im andern Falle in dem, was ihn abhebt, isoliert, verteidigt und solitär ermöglicht.)
Folgerung: man soll den solitären Typus nicht abschätzen nach dem
herdenhaften, und den herdenhaften nicht nach dem solitären.
Aus der Höhe betrachtet, sind beide notwendig; insgleichen ist ihr
Antagonismus notwendig, – und nichts ist mehr zu verbannen als jene „Wünschbarkeit“, es möchte sich etwas Drittes aus beiden entwickeln („Tugend“ als Hermaphroditismus). Das ist so wenig „wünschbar“ als die Annäherung und Aussöhnung der Geschlechter. Das Typische fortentwickeln, die Kluft immer tiefer aufreißen....
Begriff der Entartung in beiden Fällen: wenn die Herde den Eigenschaften der
solitären Wesen sich nähert und diese den Eigenschaften der Herde, – kurz, wenn sie sich annähern. Dieser Begriff der Entartung ist abseits von der moralischen Beurteilung.