Der Wille zur Macht: Eine Auslegung alles Geschehens
Kapitel 513
Ich setze hier eine Reihe psychologischer Zustände als Zeichen vollen und
blühenden Lebens hin, welche man heute gewohnt ist, als krankhaft zu beurteilen. Nun haben wir inzwischen verlernt, zwischen gesund und krank von einem Gegensatze zu reden: es handelt sich um Grade, – meine Behauptung in diesem Falle ist, daß, was heute „gesund“ genannt wird, ein niedrigeres Niveau von dem darstellt, was unter günstigen Verhältnissen gesund wäre –, daß wir relativ krank sind.... Der Künstler gehört zu einer noch stärkeren Rasse. Was uns schon schädlich, was bei uns krankhaft wäre, ist bei ihm Natur – – Aber man wendet uns ein, daß gerade die Verarmung der Maschine die extravagante Verständniskraft über jedwede Suggestion ermögliche: Zeugnis unsre hysterischen Weiblein.
Die Überfülle an Säften und Kräften kann so gut Symptome der partiellen
Unfreiheit, von Sinneshalluzinationen, von Suggestionsraffinements mit sich bringen wie eine Verarmung an Leben –, der Reiz ist anders bedingt, die Wirkung bleibt sich gleich.... Vor allem ist die Nachwirkung nicht dieselbe; die extreme Erschlaffung aller morbiden Naturen nach ihren Nervenexzentrizitäten hat nichts mit den Zuständen des Künstlers gemein: der seine guten Zeiten nicht abzubüßen hat.... Er ist reich genug dazu: er kann verschwenden, ohne arm zu werden.
Wie man heute „Genie“ als eine Form der Neurose beurteilen dürfte, so
vielleicht auch die künstlerische Suggestivkraft, – und unsre Artisten sind in der Tat den hysterischen Weiblein nur zu verwandt!!! Das aber spricht gegen „heute“, und nicht gegen die „Künstler“.
Die unkünstlerischen Zustände: die der Objektivität, der Spiegelung, des
ausgehängten Willens.... (das skandalöse Mißverständnis Schopenhauers, der die Kunst als Brücke zur Verneinung des Lebens nimmt).... Die unkünstlerischen Zustände: der Verarmenden, Abziehenden, Abblassenden, unter deren Blick das Leben leidet: – der Christ.