Der Wille zur Macht: Eine Auslegung alles Geschehens

Friedrich Nietzsche · Kapitel 135 von 256

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Der Wille zur Macht: Eine Auslegung alles Geschehens

Kapitel 538

 

Ist die Kunst eine Folge des Ungenügens am Wirklichen? Oder ein

Ausdruck der Dankbarkeit über genossenes Glück? Im ersten Falle Romantik, im zweiten Glorienschein und Dithyrambus (kurz Apotheosenkunst): auch Raffael gehört hierhin, nur daß er jene Falschheit hatte, den Anschein der christlichen Weltauslegung zu vergöttern. Er war dankbar für das Dasein, wo es nicht spezifisch christlich sich zeigte.

Mit der moralischen Interpretation ist die Welt unerträglich. Das Christentum

war der Versuch, die Welt damit zu „überwinden“: das heißt zu verneinen. In praxi lief ein solches Attentat des Wahnsinns – einer wahnsinnigen Selbstüberhebung des Menschen angesichts der Welt – auf Verdüsterung, Verkleinlichung, Verarmung des Menschen hinaus: die mittelmäßigste und unschädlichste Art, die herdenhafte Art Mensch, fand allein dabei ihre Rechnung, ihre Förderung, wenn man will.

Homer als Apotheosenkünstler; auch Rubens. Die Musik hat noch keinen

gehabt.

Die Idealisierung des großen Frevlers (der Sinn für seine Größe) ist

griechisch; das Herunterwürdigen, Verleumden, Verächtlichmachen des Sünders ist jüdisch-christlich.