Goethes Briefe an Leipziger Freunde

Johann Wolfgang von Goethe · Kapitel 7 von 106

PDF-Seiten

Goethes Briefe an Leipziger Freunde

Kapitel II

zu kaufen sich träumt, und schon als eingebildeter Herzog gegen seinen Herrn und dessen Tochter Hannchen sich beträgt. Da läßt er, wie er seine Pläne dem staunenden Mädchen ausmalt, seine Nachtigall fliegen, wird wieder vernünftig und tröstet sich mit ihrer Liebe.

 

II.

 

Franckfurt am 1. Nov. 68.

Meine geliebteste Freundin,

Noch immer so munter, noch immer so boshafft. So geschickt das gute von

einer falschen Seite zu zeigen, so unbarmherzig einen Leidenden auszulachen,

einen Klagenden zu verspotten, alle diese liebenswürdige Grausamkeiten, enthält

Ihr Brief; und konnte die Landsmännin der Minna anders schreiben.

Ich danke Ihnen für eine so unerwartet schnelle Antwort, und bitte Sie auch

inskünftige, in angenehmen muntern Stunden an mich zu dencken, und wenn es

seyn kann an mich zu schreiben; Ihre Lebhafftigkeit, Ihre Munterkeit, Ihren Witz

zu sehen, ist mir eine der grössten Freuden, er mag so leichtfertig, so bitter seyn

als er will.

Was ich für eine Figur gespielt habe, das weiss ich am besten, und was meine

Briefe für eine spielen, das kann ich mir vorstellen. Wenn man sich erinnert,

wie's andern gegangen ist, so kann man ohne Wahrsager Geist rahten, wie's

Einem gehen wird; Ich binn's zufrieden, es ist das gewöhnliche Schicksaal der

Verstorbenen, dass Überbliebene und Nachkommende auf ihrem Grabe tanzen.

Was macht denn unser Principal, unser Direckteur, unser Hofmeister, unser

Freund Schoenkopf?

Gedenckt er noch manchmal an seinen ersten Ackteur, der doch diese Zeit her,

in allen Lust- und Trauerspielen, die schweren und beschwerlichen Rollen, eines

Verliebten und Betrübten, so gut, und so natürlich als möglich, vorgestellt hat.

Hat sich noch niemand gefunden, der meine Stelle wieder begleiten mögte, ganz

mögte sie wohl nicht wieder besetzt werden; zum Herzog Michel finden Sie eher

zehn Ackteurs, als zum Don Sassafras[44] einen einzigen. Verstehen Sie mich?

Unsre gute Mama hat mich an Starckens Handbuch[45] erinnern lassen, ich

werde es nicht vergessen. Sie haben mich an Gleimen erinnern lassen; ich werde

nichts vergessen. Ich dencke in Abwesenheit so gut als gegenwärtig, dem

Verlangen derer die ich liebe gnüge zu tuhn. Ihre Bibliothek fällt mir sehr offt

ein, ehstens soll sie vermehrt werden, verlassen Sie Sich drauf. Halte ich gleich

nicht immer was ich versprochen, so tue ich doch offt mehr als ich verspreche.