Goethes Briefe an Leipziger Freunde

Johann Wolfgang von Goethe · Kapitel 25 von 106

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Goethes Briefe an Leipziger Freunde

Kapitel IV

vermuthlich jene Freundin, welche in Minna von Barnhelm die Franziska spielte,

und in einem Briefe an Käthchen (S. 75) genannt wird. Zwar ist der Ton von den

vorhergehenden merklich verschieden; man spürt, daß Goethe gesund und reifer

geworden ist, man fühlt den Hauch der frisch aufkeimenden, ihn still

beseligenden Liebe, übrigens paßt der Ton ganz zu seinem Verhältniß zu

Friederike Oeser und auch das Element der Reflexion, welches diesem eigen

war, tritt stark genug hervor. Ich lasse dieselben deshalb hier folgen.

 

IV.

 

An Mamsell F.

Am 14. Oct. (1770).

Soll ich Ihnen wieder einmal sagen, daß ich noch lebe, und wohl lebe, und so

vergnügt als es ein Mittelzustand erlaubt, oder soll ich schweigen, und lieber gar

nicht, als beschämt an Sie denken? Ich dächte nein. Vergebung erhalten, ist für

mein Herz eben so süß als Dank verdienen, ja noch süßer denn die Empfindung

ist uneigennütziger. Sie haben mich nicht vergessen, das weiß ich; ich habe Sie

nicht vergessen, das wissen Sie, ohngeachtet eines Stillschweigens, dessen

Dauer ich nicht berechnen mag. Ich habe niemals so lebhaft erfahren, was das

sei, vergnügt ohne daß das Herz einigen Antheil hat, als jetzo, als hier in

Straßburg. Eine ausgebreitete Bekanntschaft unter angenehmen Leuten, eine

aufgeweckte muntre Gesellschaft jagt mir einen Tag nach dem andern vorüber,

läßt mir wenig Zeit zu denken, und gar keine Ruhe zum Empfinden, und wenn

man nichts empfindet, denkt man gewiß nicht an seine Freunde. Genug mein

jetziges Leben ist vollkommen wie eine Schlittenfahrt, prächtig und klinglend,

aber eben so wenig fürs Herz als es für Augen und Ohren viel ist.

Sie sollten wohl nicht rathen, wie mir jetzo so unverhofft der Einfall kömmt,

Ihnen zu schreiben und weil die Ursache so gar artig ist, muß ich's Ihnen sagen.

Ich habe einige Tage auf dem Lande bei gar angenehmen Leuten zugebracht.

Die Gesellschaft der liebenswürdigen Töchter vom Hause, die schöne Gegend

und der freundlichste Himmel weckten in meinem Herzen jede schlafende

Empfindung, jede Erinnerung an alles was ich liebe; daß ich kaum angelangt bin,

als ich schon hier sitze und an Sie schreibe.

Und daraus können Sie sehen, in wiefern man seiner Freunde vergessen kann

wenn's einem wohl geht. Es ist nur das schwärmende, zu bedaurende Glück, das

uns unsrer selbst vergessen macht, das auch das Andenken an Geliebte verdunkelt; aber wenn man sich ganz fühlt, und still ist und die reinen Freuden