Goethes Briefe an Leipziger Freunde

Johann Wolfgang von Goethe · Kapitel 86 von 106

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Goethes Briefe an Leipziger Freunde

Kapitel XXXIX

J W Goethe

 

XXXIX.

 

Sie haben mich, theurer, trefflicher Mann, mit immer gleichem Schritt und

unverwandter Gesinnung durchs Leben begleitet und mich, der ich so viele

Mißklänge von außen zu vernehmen hatte, stets mit reiner, wahren, ächten

Theilnahme erfreut, daß ich sehr undankbar sein müßte wenn ich nicht eine

darbietende Gelegenheit ergriffe, meinen Dank endlich auszusprechen. Nehmen

Sie daher im Ganzen freundlich auf, was Ihnen im Einzelnen zusagte[272] und

gedenken mein jetzt und künftig in Geist und Liebe.

Lassen Sie mich noch eine Bemerkung hinzufügen welche einem alten Autor

wohl ziemen mag. Es giebt dreierley Arten Leser: Eine, die ohne Urtheil genießt,

eine dritte, die, ohne zu genießen urtheilt, die mittlere die genießend urtheilt und

urtheilend genießt; diese reproducirt eigentlich ein Kunstwerk aufs neue. Die

Mitglieder dieser Classe, wozu Sie gehören, sind nicht zahlreich, deshalb sie uns

auch werther und würdiger erscheinen. Ich sage nichts Neues, Sie haben

hierüber gleichfalls erfahren und gedacht.

Leben Sie recht wohl und seyen meinen Kindern freundlich, wenn sie auf

ihrer Rückreise von Berlin[273] in Leipzig verweilen sollten wovon ich noch

keine gewisse Nachricht habe.

Weimar d. 13 Juny.

1819.

 

und so fort und ewig

verbunden

Goethe

 

[272] Die Ausgabe von Goethes Werken in 20 Bänden war in diesem Jahr vollendet.

[273] Briefw. m. Zelter III. S. 19.

 

XL.

 

Nichts Angenehmeres hätte vor meiner Abreise nach Carlsbad bey mir

einlangen können als ein Brief von Ihrer Hand, mein Theuerster, überschrieben. Die Lesung des Vorigen erregte mir ein Gefühl das ich in ähnlichen Fällen