Goethes Briefe an Leipziger Freunde

Johann Wolfgang von Goethe · Kapitel 58 von 106

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Goethes Briefe an Leipziger Freunde

Kapitel II

Gehen Sie, mit völlig wieder erlangter Gesundheit, ins neue Jahrhundert

hinüber und nehmen Sie, wie bisher, mit Geist und Talent an demjenigen Theil

was etwa den Menschen zunächst bescheert seyn mag und erhalten mir eine

freundschaftliches Andenken.

Jena am 25 Dec. 1800.

 

Goethe

 

[217] Goethes Briefe an Rochlitz sind durch Vermächtniß in den Besitz des Hrn. Keil

übergegangen, welcher deren Veröffentlichung gestattet hat. Es sind nur wenige von Goethe selbst geschrieben, diese sind mit einem Sternchen bezeichnet; nicht selten aber hat Goethe zum Schluß einige Worte mit eigener Hand hinzugefügt, diese sind mit gesperrter Schrift gedruckt.

[218] Vgl. Schillers Brief VI. S. 54 f. an Körner IV. S. 237 f. Goethe an Schlegel S. 45.

[219] Jedem das Seine. Lustspiel in einem Aufzuge.

[220] Es ist die rechte nicht. Lustspiel in 2 Akten.

 

II.

 

Die Aufführung des kleinen Stücks ward von Zeit zu Zeit, wie es bey

Theatern zu gehen pflegt, aufgeschoben; desto angenehmer ist mirs daß ich

gegenwärtig von einer sehr guten Aufnahme desselben sprechen kann,

ohngeachtet ich mit der Darstellung nicht ganz zufrieden war. Daß ich den

Verfasser verschwieg erregte von einer Seite Neugierde und ließ von der andern

den Eindruck desto unbefangner. Das nächstemal soll es noch besser werden,

indessen hat doch schon eine Liebhabergesellschaft, die sich hier befindet, sich

das Stück ausgebeten, welches denn auch ein gutes Zeichen ist.

Das Original sende ich mit Dank zurück. Die wenigen Veränderungen die ich

gemacht habe, betreffen einige harte Worte, welche man unter Personen einer

gewissen Art, besonders unter Soldaten, mit Recht vermeidet, sodann einige

Scherze welche sich auf Philosophie beziehen, die ich im doppelten Sinne nicht

billigen kann, weil man entweder dadurch keine Wirkung hervorbringt, oder weil

man die Menge veranlaßt über etwas zu lachen das sie nicht versteht und das sie

wenigstens verehren sollte.[221]

Verzeihen Sie diese Pedanterie; man weiß aber nicht eher als nach einem

längern Lebenslauf was ächte Maximen, die uns über das Gemeine heben, für einen hohen Werth haben, der so selten anerkannt wird.

Darf ich Sie nun mit einigen Aufträgen beschweren?

Ich wünschte Nachricht von einem Manne, welcher sich Johann Leonhardt

Hoffmann nennt, und einen Versuch einer Geschichte der Farbenharmonie 1786,

in Hendels Verlag, zu Halle, herausgegeben. Die Dedication an Herrn Gottfried

Winkler, in welcher sich der Verfasser einen Franken nennt, ist von Leipzig aus

datirt, wo er sich eine Zeit lang aufgehalten und mit Oeser Umgang gehabt

haben mag. Vielleicht haben Sie Gelegenheit etwas näheres über diesen Mann zu

erfahren, der mir von gewissen Seiten interessant geworden ist.[222]

Alsdann hätten Sie wohl die Güte mir ein gebundnes Exemplar, von dem im

October 1800 geschlossnen Jahrgang der musikalischen Zeitung zu verschaffen.

Den ersten bis zum October 1799 besitze ich. Die Auslage werde ich mit Dank

sogleich erstatten.

Sollte Ihnen nicht ein Liedchen bekannt geworden seyn, das von

Capellmeister Himmel componirt ist, es drückt die Unruhe eines verliebten

Mädchens aus, das sich seinen Zustand nicht erklären kann, jeder Vers endigt

sich mit einer Partikel z. B. Ich weiß nicht woher, wohin, warum. Es ist ein

Scherz, den man in einer Gesellschaft wohl gern einmal hören mag.

Die Fragen wegen Wilhelm Meisters möchte ich am liebsten einmal mündlich

beantworten. Bey solchen Werken mag der Künstler sich vornehmen was er will,

so giebt es immer eine Art von Confession und zwar auf eine Weise von der er

sich kaum selbst Rechenschafft zu geben versteht. Die Form behält immer etwas

unreines und man kann Gott danken, wenn man im Stand war so viel Gehalt

hinein zu legen, daß fühlende und denkende Menschen sich beschäfftigen

mögen, ihn wieder daraus zu entwickeln. Die Recension in der allgemeinen

Litteraturzeitung[223] ist freylich sehr unzulänglich, für jeden, der selbst über das

Werk gedacht hat; doch ist sie nicht ohne Verdienst, wenn man sie als die

Meinung eines einzelnen ansieht, der seine Gedanken darüber äußert. Freylich

hat man Ursache von einer Recension mehr zu verlangen, besonders von einer so

späten.

Ich wünsche, daß Ihre Gesundheit wieder hergestellt seyn möge, so wie ich

mich auch von den Übeln, die mich betroffen haben, nach und nach wieder

erhole.[224]

Darf ich bitten mich unserm verehrten Weise bestens zu empfehlen.

Weimar d. 29 März 1801

 

Goethe