Goethes Briefe an Leipziger Freunde
Goethes Briefe an Phil. Erasmus Reich.
Goethes Briefe
an
Phil. Erasmus Reich.
I.[157]
Franckf. am 20. Febr. 70.
Theuerster Herr Reich,
Es giebt gemischte Empfindungen, die Mendelssohn so richtig zeichnen, und
Wieland so süsse mahlen kann, und von denen wir andre schweigen müssen.
Davon war es eine die mich überfiel, als ich Ihren lieben Brief, mit dem
angenehmsten Geschencke erhielt.[158]
Nichts war mir neu. Denn dass Wieland so ein Autor ist, dass Sie so ein
Verleger und so gütig gegen mich sind, das weiss ich seitdem ich Sie und
Wielanden kenne; allein in dem Grade! unter diesen Umständen! war mir alles
neu. Meine Danckbaarkeit werden Sie leicht nach dem Werth Ihrer
Freundschafft, nach der Fürtrefflichkeit des Buchs, und nach dem Vergnügen
messen können, das man in dieser Franckfurter Hungersnoth des guten
Geschmacks, sehr lebhafft fühlen muss, wenn man ein neues Buch geschwind in
die Hände kriegt. Und auch darum lasse ich meine Erkänntlichkeit gerne
schweigen; denn wahrhafftig Sie müssten sehr müde werden Dancksagungen
anzuhören, wenn Ihre besondere Gütigkeit, nicht gleich iedem den Sie
verbinden, ein ehrfurchtsvolles Stillschweigen auflegte.
Oesers Erfindungen haben mir eine neue Gelegenheit gegeben, mich zu
seegnen, dass ich ihn zum Lehrer gehabt habe. Fertigkeit oder Erfahrung vermag
kein Meister seinem Schüler mitzutheilen, und eine Übung von wenigen Jahren,
Thut in den bildenden Künsten, nur was mittelmässiges; auch war unsre Hand,
nur sein Nebenaugenmerck; er drang in unsre Seelen, und man musste keine haben um ihn nicht zu nutzen.
Sein Unterricht wird auf mein ganzes Leben Folgen haben. Er lehrte mich, das
Ideal der Schönheit sey Einfalt und Stille, und daraus folgt, dass kein Jüngling
Meister werden könne. Es ist ein Glück wenn man sich von dieser Wahrheit
nicht erst durch eine traurige Erfahrung zu überzeugen braucht. Empfehlen Sie
mich meinem lieben Oeser. Nach ihm und Schäckespearen, ist Wieland noch der
einzige, den ich für meinen ächten Lehrer erkennen kann, andre hatten mir
gezeigt dass ich fehlte, diese zeigten mir wie ichs besser machen sollte.
Meine Gedancken über den Diogenes werden Sie wohl nicht verlangen.
Empfinden und schweigen ist alles was man bey dieser Gelegenheit thun kann;
denn so gar loben soll man einen grosen Mann nicht, wenn man nicht so gros ist
wie er. Aber geärgert habe ich mich schon auf Wielands Rechnung, und ich
glaube mit Recht. Wieland hat das Unglück offt nicht verstanden zu werden,
vielleicht ist manchmal die Schuld sein, doch manchmal ist sie es nicht, und da
muss man sich ärgern wenn Leute ihre Missverständnisse dem Publiko für
Erklärungen verkaufen. Jüngst sagte ein Recensent: die Rede vom Mann im
Monde[159] sey eine feine Satyre auf die Philosophie der damaligen Zeiten, und
ihre Tohrheit. Wem könnte so was einfallen? Doch ia! Er hat einen
Gesellschaffter an dem Übersetzer des Agathon. Tableau des moeurs de
l'ancienne Grece! So ohngefähr wird der Tittel seyn.[160] Ich glaube der Mensch
hielte das Buch für eine Archaiologie.
Ich weiss nicht ob sich W. auch drüber ärgert, wenigstens hätte er's Ursach.
Wenn Sie diesem grosen Autor, Ihrem Freunde schreiben, oder ihn sprechen,
so haben Sie die Gütigkeit, ihm einen Menschen bekannt zu machen, der zwar
nicht Mann's genung ist seine Verdienste zu schätzen, aber doch ein genung
zärtliches Herz hat sie zu verehren; mit dessen aufrichtigster Empfindung er sich
auch nennt
Ihren ergebensten Diener.
Goethe.
[157] Einige dieser Briefe sind gedruckt bei H. Hirzel, Briefe von Goethe an Lavater S.
163 ff.
[158] Wieland, Dialogen des Diogenes. Leipz. 1770.
[159] Diogenes 34. Werke XIII. S. 141 ff.
[160] Histoire d'Agathon ou tableau philosophique des mœurs de la Grèce imité de
l'Allemand de Mr. Wieland. Laus. 1768.