Goethes Briefe an Leipziger Freunde

Johann Wolfgang von Goethe · Kapitel 46 von 106

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Goethes Briefe an Leipziger Freunde

Goethes Briefe an Phil. Erasmus Reich.

Goethes Briefe

an

 

Phil. Erasmus Reich.

 

I.[157]

 

Franckf. am 20. Febr. 70.

Theuerster Herr Reich,

Es giebt gemischte Empfindungen, die Mendelssohn so richtig zeichnen, und

Wieland so süsse mahlen kann, und von denen wir andre schweigen müssen.

Davon war es eine die mich überfiel, als ich Ihren lieben Brief, mit dem

angenehmsten Geschencke erhielt.[158]

Nichts war mir neu. Denn dass Wieland so ein Autor ist, dass Sie so ein

Verleger und so gütig gegen mich sind, das weiss ich seitdem ich Sie und

Wielanden kenne; allein in dem Grade! unter diesen Umständen! war mir alles

neu. Meine Danckbaarkeit werden Sie leicht nach dem Werth Ihrer

Freundschafft, nach der Fürtrefflichkeit des Buchs, und nach dem Vergnügen

messen können, das man in dieser Franckfurter Hungersnoth des guten

Geschmacks, sehr lebhafft fühlen muss, wenn man ein neues Buch geschwind in

die Hände kriegt. Und auch darum lasse ich meine Erkänntlichkeit gerne

schweigen; denn wahrhafftig Sie müssten sehr müde werden Dancksagungen

anzuhören, wenn Ihre besondere Gütigkeit, nicht gleich iedem den Sie

verbinden, ein ehrfurchtsvolles Stillschweigen auflegte.

Oesers Erfindungen haben mir eine neue Gelegenheit gegeben, mich zu

seegnen, dass ich ihn zum Lehrer gehabt habe. Fertigkeit oder Erfahrung vermag

kein Meister seinem Schüler mitzutheilen, und eine Übung von wenigen Jahren,

Thut in den bildenden Künsten, nur was mittelmässiges; auch war unsre Hand,

nur sein Nebenaugenmerck; er drang in unsre Seelen, und man musste keine haben um ihn nicht zu nutzen.

Sein Unterricht wird auf mein ganzes Leben Folgen haben. Er lehrte mich, das

Ideal der Schönheit sey Einfalt und Stille, und daraus folgt, dass kein Jüngling

Meister werden könne. Es ist ein Glück wenn man sich von dieser Wahrheit

nicht erst durch eine traurige Erfahrung zu überzeugen braucht. Empfehlen Sie

mich meinem lieben Oeser. Nach ihm und Schäckespearen, ist Wieland noch der

einzige, den ich für meinen ächten Lehrer erkennen kann, andre hatten mir

gezeigt dass ich fehlte, diese zeigten mir wie ichs besser machen sollte.

Meine Gedancken über den Diogenes werden Sie wohl nicht verlangen.

Empfinden und schweigen ist alles was man bey dieser Gelegenheit thun kann;

denn so gar loben soll man einen grosen Mann nicht, wenn man nicht so gros ist

wie er. Aber geärgert habe ich mich schon auf Wielands Rechnung, und ich

glaube mit Recht. Wieland hat das Unglück offt nicht verstanden zu werden,

vielleicht ist manchmal die Schuld sein, doch manchmal ist sie es nicht, und da

muss man sich ärgern wenn Leute ihre Missverständnisse dem Publiko für

Erklärungen verkaufen. Jüngst sagte ein Recensent: die Rede vom Mann im

Monde[159] sey eine feine Satyre auf die Philosophie der damaligen Zeiten, und

ihre Tohrheit. Wem könnte so was einfallen? Doch ia! Er hat einen

Gesellschaffter an dem Übersetzer des Agathon. Tableau des moeurs de

l'ancienne Grece! So ohngefähr wird der Tittel seyn.[160] Ich glaube der Mensch

hielte das Buch für eine Archaiologie.

Ich weiss nicht ob sich W. auch drüber ärgert, wenigstens hätte er's Ursach.

Wenn Sie diesem grosen Autor, Ihrem Freunde schreiben, oder ihn sprechen,

so haben Sie die Gütigkeit, ihm einen Menschen bekannt zu machen, der zwar

nicht Mann's genung ist seine Verdienste zu schätzen, aber doch ein genung

zärtliches Herz hat sie zu verehren; mit dessen aufrichtigster Empfindung er sich

auch nennt

 

Ihren ergebensten Diener.

Goethe.

 

[157] Einige dieser Briefe sind gedruckt bei H. Hirzel, Briefe von Goethe an Lavater S.

163 ff.

[158] Wieland, Dialogen des Diogenes. Leipz. 1770.

[159] Diogenes 34. Werke XIII. S. 141 ff.

[160] Histoire d'Agathon ou tableau philosophique des mœurs de la Grèce imité de

l'Allemand de Mr. Wieland. Laus. 1768.