Goethes Briefe an Leipziger Freunde
Kapitel IV
Empfelen Sie mich Ihren Eltern zu beständiger Freundschafft, Küssen Sie Ihre
liebe Freundinn, und dancken Sie ihr für den Anteil den Sie an mir nimmt; ich
werde bald an sie schreiben.
Ihre Nachbarinn bedaur' ich; sollte das nicht den grösten Strich in die
Rechnung des verliebten Paars machen? Die armen Leute! Sie sind in grosser
Noth, und unser Herr Gott mag ihnen helfen oder nicht, so werden sie's ihm
nicht dancken, das werden Sie erleben, und darnach sagen Sie: hat's Goethe nicht
gesagt. Es ist gar zu ein gros Ding um den Ehstand heut zu Tage, und kein's von
beyden, wenigstens gewiß, eins von beyden, hat nicht für einen Sechser
Überlegung. Heiliger Andreas, komm, und tuh ein Wunder, oder es giebt eine
Sau. NB. dass niemand den Artickel sieht als wem er nütz ist. Leben Sie wohl
meine Liebe, ich binn, kranck wie Gesund
ganz der Ihrige
Goethe
[47] Dieser Druck findet sich in dem „Catalog einer Goethe-Bibliothek“ nicht verzeichnet
und scheint sich der Aufmerksamkeit auch der sorgsamsten Sammler bis jetzt entzogen zu haben.
[48] Es ist noch Sitte in Leipzig am Johannistag den Kirchhof zu besuchen und die Gräber
mit Blumen zu schmücken; auch wird dann die in Holz geschnitzte Figur des Johannismännchen auf dem Brunnen aufgestellt und bekränzt.
IV.
Franckfurt am 31 Jan.
1769
Heute oder Morgen, es ist einerley wann ich schreibe, wenn Sie nur erfahren
wie's mit mir ist. Es muss besser in Leipzig seyn als hier. Es schreibt weder Horn
noch Sie, noch ein anderer; vielleicht habt ihr Bälle und Fastnachts Schmäusse,
zu der Zeit da ich im Elend sitze. Traurig Carnaval. Seit vierzehn Tagen, sitz ich
wieder fest. Im Anfange dieses Jahrs, war ich auf Parole losgelassen, das bissgen
Freyheit ist auch wieder aus, und ich werde wohl noch ein Stückgen Februar im
Käfigt zubringen. Denn Gott weis wenn's alle wird, ich binn aber ganz ruhig
darüber, und ich hoffe, Sie werden es auch seyn. Den dritten März binn ich
schon ein Halbjahr hier, und auch schon ein Halbjahr kranck, ich habe an dem
Halbenjahr viel gelernt. Ich dencke Horn soll die Zeit über auch mehr gelernt
haben, wir werden einander nicht mehr kennen, wenn wir einander wiedersehen. Gewiß Horn hat nicht halb so viel Lust mich zu sehn als ich ihn. Der gute
Mensch soll aus Leipzig, und hat kein Blut gespien. Das mag schwer seyn. Sie
sind so lustig, sagte ein sächsischer Officier zu mir, mit dem ich den 28 Aug. in
Naumburg zu Nacht ass, so lustig und haben heute Leipzig verlassen. Ich sagte
ihm, unser Herz wisse offt nichts von der Munterkeit unsers Bluts. Sie scheinen
unpässlich, fing er nach einer Weile an. Ich binns würklich, versetzt ich ihm, und
sehr, ich habe Blut gespien. Blut gespien, rief er, ja, da ist mir alles deutlich, da
haben sie schon einen grosen Schritt aus der Welt getahn, und Leipzig musste
ihnen gleichgültig werden, weil sie es nicht mehr geniessen konnten. Getroffen,
sagt ich, die Furcht vor dem Verlust des Lebens, hat allen andern Schmerz
erstickt. Ganz natürlich, fiel er mir ein, denn das Leben bleibt immer das erste,
ohne Leben ist kein genuss. Aber fuhr er fort, hat man ihnen nicht auch den
Ausgang leicht gemacht. Gemacht? fragt' ich, wie so. Das ist ja deutlich, sagte
er, von Seiten der Frauenzimmer; Sie haben die Mine, nicht unbekanndt unter
dem schönen Geschlecht zu seyn. — Ich bückte mich für's Compliment. — Ich
rede wie ich's meyne, fuhr er fort, sie scheinen mir ein Mann von Verdiensten,
aber sie sind kranck, und da wette ich zehen gegen nichts, kein Mädgen hat sie
beym Ermel gehalten. Ich schwieg, und er lachte. Nun sagte er und reichte mir
die Hand übern Tisch, ich habe zehen Thaler an sie verlohren, wenn sie auf ihr
Gewissen sagen: Es hat mich eine gehalten. Top sagt ich Hr. Captain und schlug
ihm in die Hand, Sie behalten ihre Zehen Tahler. Sie sind ein Kenner, und
werfen ihr Geld nicht weg. Bravo, sagt er, dann seh ich dass sie auch Kenner
sind. Gott bewahre sie darinn, und wenn sie wieder gesund werden, so werden
sie Nutzen von dieser Erfahrung haben. Ich — und nun ging die Erzählung,
seiner Geschichte los die ich verschweige, ich sass und hörte mit Betrübniss zu,
und sagte am Ende, ich sey confundirt, und meine Geschichte und die
Geschichte meines Freunds Don Sassafras, hat mich immer mehr von der
Philosophie des Hauptmanns überzeugt.
Unglücklicher Horn! Er hat sich immer so viel auf seine Waden eingebildet,
jetzt werden sie ihm zum Unglück gereichen. Lasst ihn nur lebendig weg.[49]
Satt sehen könnt ihr euch noch an ihm, denn er ist der letzte Franckfurter in
Leipzig, der gerechnet wird, und wenn der fort, da könnt ihr warten biss ihr
wieder einen zu sehen kriegt. Doch tröstet euch, ich komme bald wieder.
Du lieber Gott, jetzt binn ich wieder lustig, mitten in den Schmerzen. Wenn
ich auch nicht so munter wäre wie wollt ich's aushalten? Fast zwey Monat, an
einem fort ganz eingesperrt.
Leben Sie wohl beste Freundinn, grüssen Sie Ihre Eltern, und ihre Freundinn,
und wenn Sie einmal schreiben, so berichten Sie mir wie die Glieder der ehemahligen Sonntägigen Gesellschafft jetzt unter einander stehen. Lieben Sie