Goethes Briefe an Leipziger Freunde
Kapitel LV
wo ich, in Spiegelung und Wiederschein, gleiche Gesinnung, gleiches Bestreben,
zu eigner Bestärkung gewahrte. Denn das darf ich wohl sagen: was ich in
meinen Schriften niedergelegt habe ist für mich kein Vergangenes, sondern ich
seh es, wenn es mir wieder vor Augen kommt, als ein Fortwirkendes an, und die
Probleme die hie und da unaufgelöst liegen, beschäftigen mich immerfort, in der
Hoffnung daß, im Reiche der Natur und Sitten, dem treuen Forscher noch gar
manches kann offenbar werden.
Daß Sie die Weimarischen Zustände, und darin auch das Nächste was sich auf
mich bezieht, konnten gewahr werden, und zwar mit Ihrer so rein-sinnigen als
lebhaft-ergreifenden Beobachtungsgabe, ist, ganz ohne Frage, ein vielfaches
Eingreifen in die Glieder einer, sonderbar genug verschränkten socialen Kette.
Erhalten Sie sich und uns das dabey gewonnene werthe Verhältniß. Alle die sich
gleichzeitig heranbildeten haben Ursache sich zusammen- und ihren Kreis
gewissermaßen geschloßen zu halten; die Nachkommenden wollen vieleicht was
besseres, gewiß aber etwas anderes.
Im Garten am Park
Weimar d. 28. Jul.
1829.
In treuem Verharren,
J W Goethe
LV.
Die letzten Wochen bin ich, im Drange eigenen Thuns und äußeren
Einwirkens, in die Unmöglichkeit versetzt worden mich nach entfernten
Freunden umzusehen; auch habe deswegen Ihren lieben, mir sehr willkommenen
Brief nicht erwiedert. Ich möchte Sie ersuchen mit Betrachtungen über die
Wanderjahre fortzufahren und mir von dem Einzelnen was besonders auf Sie
gewirkt, was ein Weiteres aufgeregt, wo sichs angeschlossen und wie man alle
solche gute Folgen nennen möchte gelegentlich ohnschwer Kenntniß zu geben.
Es ist mir dies, wenn es von Freunden geschieht, die größte Belohnung für die
Aufmerksamkeit die ich dieser Arbeit gewidmet. Die Umbildung der darin
enthaltenen, schon einmal in anderer Form erschienener Elemente war für mich
ein ganz neues Unternehmen, wozu mich nur die Liebe zu einzelnen Theilen,
welche, mehr und mehr, auf eine zierliche Weise, einander anzunähern hoffte,
bewegen und mich in einer anhaltenden thätigen Aufmerksamkeit freudig erhalten konnte.