Goethes Briefe an Leipziger Freunde

Johann Wolfgang von Goethe · Kapitel 80 von 106

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Goethes Briefe an Leipziger Freunde

Kapitel XXXII

also doppelt und dreyfach Ihren ethischen Schuldner bleiben.

Jena d. 9 Apr. 1807.

 

ergebenst

Goethe

 

Herr Angermann hatte die Artigkeit mir das Kästchen hier persönlich zu

überreichen.

Wegen der Gemmen nächstens.

 

[257] Werke XXVII. S. 332.

 

XXXII.

 

Ew. Wohlgeboren

herzlicher, aus freier Brust geschriebener Brief, hat mir große Freude

gemacht.[258] Ich hatte freilich auf Sie gezählt, daß Sie aber so schnell,

augenblicklich, unmittelbar sich äusern, dafür weiß ich Ihnen den größten

Danck. Freund Meyer, dessen Um- und Übersicht alter und neuer Zeit, Sie in

dem kühnen Aufsatze[259] nicht verkennen werden, trägt mit mir diese

Gesinnungen schon viele Jahre auf dem Herzen, und es schien gerade der rechte

Augenblick, wo das Absurde sich selbst überbietet, wo alle ächte Gleichzeitigen,

besonders die Väter und Pfleger talentvoller, durch diesen Zeitwahnsinn

verrückter Söhne, in Verzweiflung sind, mit historischem, billigem, das Talent

würdigendem die Abweichung scharf bezeichnendem Vortrag aufzutreten.

Tausend und aber Tausend Wohldenkende, werden sich gewiß schnell

versammeln, der reine Menschen- und Kunstverstand wird laut werden, und wir

kommen auch denen zu statten, die jetzt wider Willen dem Strohm in den sie

sich eingelassen haben gehorchen.

Von dem Überschwenglichen der Tollheit wie Sie es mir schildern, hatten Wir

freilich noch keinen Begrif, da Wir aber, es entstehe daraus was wolle, immer

auf diesen Fleck zu schlagen gedenken, so haben Sie die Gefälligkeit, mich von

Zeit zu Zeit von dem Besondern zu unterrichten. Wir mögten, wie auch schon in

dem ersten Aufsatz geschehen, das talentvolle Individuum schonen und fördern,

wie Sie auch thun und gethan haben, aber auf die falschen, kranckhaften und im tiefsten Grunde heuchlerischen Maximen, derb und unerbittlich loßgehen, und,

wie sie ganz richtig anrathen und verlangen, dasjenige immer und dümmer[260]

wiederholen, was würcken soll. Das nächste dritte Heft wird nicht allein in

diesem Fache, sondern auch in andern aufrichtig seyn.

Haben Sie die Güte mir alles anzuzeigen, was Sie von Persönlichkeiten und

Individualitäten wissen, ich mache keinen Gebrauch davon, ehe ich Ihnen die

Redaction vorgelegt habe. Es ist eine Gewissenssache mit der wir zusammen

würcken müssen. Die Masse ist breit, aber schwach, und ich denke ihnen noch,

von ein paar andern Seiten in die Flancke zu fallen.

Hievon nur diese Andeutung! Wie erfreulich ist mir, der reine, freie Ausdruck

Ihres Briefes, auch nur als Sprachäusserung betrachtet, und zu welchen

ekelhaften, befremdeten[260] Narrheiten, wollen uns die Deutschen Männer

zwingen! auch gegen die werden wir auftreten, und welche wackere junge

Theilnehmende wir für unsere Überzeugung hoffen können, davon zeugt

beiliegendes Heftchen.

Kennen Sie schon den Aufsatz? so ist es Ihnen wohl angenehm ihn zu

besitzen, und Freunden mitzutheilen. Man muß jetzt auch Parthei machen das

Vernünftige zu erhalten, da die Unvernunft so kräftig zu Wercke geht. Lassen Sie

uns bedenken, daß wir dies Jahr das Reformationsfest feiern, und daß wir unsern

Luther nicht höher ehren können, als wenn wir dasjenige was wir für Recht, der

Nation und dem Zeitalter ersprießlich halten, mit Ernst und Kraft, und wäre es

auch mit einiger Gefahr verknüpft, öffentlich aussprechen, und wie Sie ganz

richtig urgiren, öfters wiederholen.

Das mir geneigt gespendete Bild, gewährt mir immer viel Freude. Aus einem

Kunstwerk, das wahrhaft gut ist, läßt sich viel heraussehen, und was es anregt ist

immer unendlich.

Ich weiß nicht ob ich schon gemeldet habe, daß meine Vorliebe fürs

Sechszehende Jahrhundert mich auch verleitet hat, eine ansehnliche Sammlung

Majolika aus Nürnberg mir eigen zu machen,[261] welche, glücklich

angekommen, einen vergnüglichen Anblick geben, dabey aber auch aussagen,

daß dergleichen subalterne Kunstwerke nur in Masse können beurtheilt werden,

wo sowohl ihre Vorzüge als ihre Mängel zur Schau stehen. Finden Sie, um

billige Preise, von dieser Art in Leipzig, so erzeigen Sie mir den Gefallen davon

Notiz zu geben.

Die Abdrücke der Sammlung geschnittener Steine sende in diesen Tagen

zurück. Zu jenem ersten Vorschlag bewog mich die Meynung[262] es sei eine

Sammlung Cameen, die zu Schmuck, Putz und Modezwecken, für Kenner und

Nichtkenner brauchbar sind. Mit Intaglios will man siegeln, und da möchte man interessante beliebte Personen, deren sich, besonders für die neue Denkweise,

unter der Folge römischer Kaiser wohl wenige finden möchten.

Den Abdruck eines Titelblatts sende hiebey, vielleicht bald nach Johanni das

Heft selbst.[263] Meinen längern Aufenthalt in Jena, benutze, da ich gerade nicht

Lust zu frischem Thun empfinde, zum Wiederabdruck älterer, auf Natur sich

beziehende Schriften. Zu Sichtung und Redaction aufgehäufter Manuscripte.

Bey dieser Gelegenheit erscheint, beinahe zum Entsetzen, wie wir von den

disparatesten Gegenständen afficirt, aufgeregt, hingerissen werden können.

Hiedurch nun, werde ich genöthigt mancherley Stückwercke mit

Lebensereignißen in Verbindung zu bringen, damit das Ganze nicht allzu

verworren und seltsam aussehe. Und gerade diese Mittelglieder sind es die ich

Ihrem Antheil empfehlen möchte. Lassen Sie zunächst unsere wechselseitige

Unterhaltung auf das lebhafteste würken, es giebt Epochen, wo es räthlich ja

unvermeidlich ist das Eisen gemeinschaftlich zu schmieden.

Mit vielem Antheil und Vergnügen höre ich, daß Sie Konnewitz[264] wieder

hergestellt, und sich und den Ihrigen einen angenehmen Aufenthalt bereitet

haben. Ich mußte mehrmals meine Existenz aus ethischem Schutt und Trümmern

wieder herstellen, ja Tag täglich begegnen uns Umstände, wo die Bildungskraft

unserer Natur, zu neuen Restaurations-Reproductions-Geschäften aufgefordert

wird, helfe der Geist nach, so lange es gehen will.

Hier also ein Abschluß weil doch einmal zu schließen ist. Baldige

Erwiederung hoffend

Jena

den 1. Juny

1817.

 

ergebenst

Goethe

 

[258] Goethe theilte Rochlitz's Brief sogleich H. Meyer mit. Riemer Briefe von und an

Goethe. S. 108 ff.

[259] Kunst und Alterthum I. 2. S. 7 ff.: „Neudeutsche, religiös-patriotische Kunst.“

[260] Kein Druckfehler, aber gewiß ein Schreibfehler.

[261] Vgl. Werke XXVII. S. 332.

[262] Vgl. S. 329.

[263] Zur Naturwissenschaft überhaupt, von Goethe. Erster Band. Stuttg. u. Tüb. 1817.

[264] Ein Dorf, eine Stunde von Leipzig, wo Rochlitz ein Landhaus besaß.