Goethes Briefe an Leipziger Freunde

Johann Wolfgang von Goethe · Kapitel 37 von 106

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Goethes Briefe an Leipziger Freunde

15. Der Misanthrop.

Schönste Tugend einer Seele,

Reinster Quell der Zärtlichkeit!

Mehr als Byron, als Pamele

Ideal und Seltenheit.

Wenn ein andres Feuer brennet,

Flieht dein zärtlich schwaches Licht;

Dich fühlt nur wer dich nicht kennet,

Wer dich kennt der fühlt dich nicht.

 

Göttin! In dem Paradiese

Lebtest du mit uns vereint;

Noch erscheinst du mancher Wiese,

Morgens eh die Sonne scheint.

Nur der sanfte Dichter siehet

Dich im Nebelkleide zieh'n;

Phöbus kömmt, der Nebel fliehet,

Und im Nebel bist du hin.

 

15. Der Misanthrop.

 

A. Erst sitzt er eine Weile

Die Stirn von Wolken frey;

Auf einmal kömmt in Eile

Sein ganz Gesicht der Eule

Verzerrtem Ernste bey.

B. Sie fragen, was das sey?

Lieb oder lange Weile.

C. Ach sie sinds alle zwey.

 

16. Die Reliquie.

 

Ich kenn', o Jüngling, deine Freude,

Erwischest du einmal zur Beute

Ein Band, ein Stückgen von dem Kleide,

Das dein geliebtes Mädgen trug.