Goethes Briefe an Leipziger Freunde
Kapitel XIV
Weimar den 26 December
1808.
Goethe
XIV.
Ew. Wohlgebornen
erhalten abermals einen Brief von mir, mit Bitte um eine kleine Gefälligkeit.
Ein junger Mensch, Fr. Wessel bey der Dessauer-Bühne, die sich gegenwärtig
in Leipzig befindet, hat sich hier gemeldet und will in jugendlichen seriosen
Baßpartieen auch komischen Rollen etwas leisten, sowie auch im Schauspiel
nicht ganz unnütz seyn. Dürfte ich Ew. W. ersuchen mir etwas über ihn zu sagen,
besonders wie es mit seiner Stimme und seinem Gesang beschaffen ist; doch
ohne Jemand deshalb etwas merken zu lassen.
Schon aus diesem Auftrag ersehen Sie, daß ich wieder bey unserm Theater
einzugreifen bin veranlaßt worden. Ihre Antigone wird ausgeschrieben und
wahrscheinlich noch im Januar gegeben. Verzeihung, wenn ich heute nicht mehr
sage.
Weimar
den 9 Januar
1809.
Goethe
XV.
Ew. Wohlgebornen
bin ich höchlich dankbar für die ausführliche Nachricht den Schauspieler und
Sänger Wessel betreffend. Wie lehrreich müßte es seyn, mehrere Theaterglieder
so recensirt zu sehen! Ja, wie sehr wäre es zu wünschen, daß man werdenden
Schauspielern solche klare Spiegel vorhalten könnte; freylich vorausgesetzt, daß
sie einen so deutlichen Anblick ihrer selbst ertrügen. Erinnern Sie sich eines
Weidners bey der Dresdner Gesellschaft, der mir von einem Reisenden als
Chorführer in der Braut von Messina sehr gelobt worden, so sagen Sie mir ja auch wohl ein Wort über ihn.