Goethes Briefe an Leipziger Freunde

Johann Wolfgang von Goethe · Kapitel 32 von 106

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Goethes Briefe an Leipziger Freunde

6. Das Glück.

 

An mein Mädgen.

 

Du hast uns oft im Traum gesehen

Zusammen zum Altare gehen,

Und dich als Frau, und mich als Mann;

Oft nahm ich wachend deinem Munde

In einer unbewachten Stunde,

So viel man Küsse nehmen kann.

 

Das reinste Glück, das wir empfunden

Die Wollust mancher reichen Stunden

Floh, wie die Zeit, mit dem Genuß.

Was hilft es mir, daß ich genieße?

Wie Träume fliehn die wärmsten Küsse,

Und alle Freude wie ein Kuß.

 

6. Mit der Überschrift: An Annetten.

7 ff. Sie sind die süß verträumten Stunden,

Die durchgeküßten sind verschwunden,

Wir wünschen traurig sie zurück.

O wünsche dir kein größeres Glücke;

Es flieht der Erden größtes Glücke,

Wie des geringsten Traumes Glück.

 

7. Wunsch eines jungen Mädgens.

 

O fände für mich

Ein Bräutigam sich!

Wie schön ists nicht da,

Man nennt uns Mama.

Da braucht man zum Nehen,

Zur Schul nicht zu gehen.

Da kann man befehlen,

Hat Mägde, darf schmählen,

Man wählt sich die Kleider,

Nach Gusto den Schneider.

Da läßt man spazieren

Auf Bälle sich führen,