Goethes Briefe an Leipziger Freunde
Kapitel LVII
die Wiederholung auf einige Zeit zu untersagen.
[292] Rochlitz hatte Goethe den Wunsch des kaiserl. Russ. Geh. Raths Grafen Manteuffel
ausgesprochen, ihn in Weimar zu besuchen, und ihn gebeten eine Zeit dafür zu bestimmen.
LVII.
Ja, und so wäre es ganz recht, und vertraulichem Verhältnisse wohl
angemessen, daß man sich zur Unterhaltung ohne eigentlichen entschiedenen
Zweck niedersetze und das Schreiben beginne. Veranlaßt durch Ihren lieben
Brief fühle ich mich geneigt, nicht gerade in Beantwortung, vielmehr in
Erwiederung Einiges ergehen zu lassen.
Über das Allgemeine was in den Wanderjahren etwa beabsichtigt, in welchem
Sinne sie geschrieben, haben Sie, mein Theuerster, gar manches Gute und
Ausreichende gesagt. Mit solchem Büchlein aber ist es wie mit dem Leben
selbst: es findet sich in dem Complex des Ganzen Nothwendiges und Zufälliges,
Vorgesetztes und Ungeschlossenes, bald gelungen, bald vereitelt, wodurch es
eine Art von Unendlichkeit erhält, die sich in verständige und vernünftige Worte
nicht durchaus faßen noch einschließen läßt. Wohin ich aber die
Aufmerksamkeit meiner Freunde gerne lenke, und auch die Ihrige gern gerichtet
sähe, sind die verschiedenen, sich von einander absondernden Einzelnheiten, die
doch, besonders im gegenwärtigen Falle, den Werth des Buches entscheiden. Da
würden Sie mir denn eine besondere Gefälligkeit erzeigen, wenn Sie bemerken
wollten, was sie vorzüglich, (wie man zu sagen pflegt) angesprochen, was Ihnen
als neu oder erneut gegolten, was mit Ihrer Denk- und Empfindungsweise
zusammen getroffen, was derselben widersprochen, was Sie, in Gefolg dessen,
einstimmig oder im Gegensatz, weiter bey sich auszuführen geneigt gewesen.
Das Büchlein verläugnet seinen collectiven Ursprung nicht, erlaubt und fordert
mehr als jedes andere die Theilnahme an hervortretenden Einzelnheiten.
Dadurch kommt der Autor erst zur Gewißheit, daß es ihm gelungen sey, Gefühl
und Nachdenken in den verschiedensten Geistern aufzuregen. Hierüber habe ich
in Briefen die anmuthigsten Äußerungen, und wie selbst junge und weibliche
Seelen von ganz gelinden aber gründlichen Zügen ergriffen werden. Wollen auch
Sie auf diese Weise mir wohlthätig seyn, so erkenne es mit verbindlichstem
Dank. Nicht leicht unterhält man sich über dergleichen mündlich; eine gewisse
Scheu hält uns ab; dagegen ist man im Schreiben freyer, und man vertraut wohl
sein Innerstes gern in die Ferne.
Gar manches Wechselseitige, Wirksamkeit zu erregen entschieden geeignet, verspare für nächste Mittheilungen. Herr Canzler ist so eben aus Italien zurück