Goethes Briefe an Leipziger Freunde
Kapitel LX
komme das Nächste wegzuräumen. Geduld also und Beharrlichkeit zum
Bessern!
Der Anblick unschätzbarer Blätter dient zur innersten Wiederherstellung. Die
wahre Universalmedizin ist das Vortreffliche. Ich werde mich, diese Stunden,
unausgesetzt daran erfreuen, bis wir uns dabey zusammen stärken und kräftigen
können.
Die musikalischen Mittheilungen hat mich Ottilie, zu meiner Erquickung, mit
freundlicher Stimme vernehmen lassen. Ich darf Ihnen diese treue
Musickschülerin nicht zu geneigter Förderniß empfehlen.
Sagen Sie mir von Ihren Tages- und Stunden-Ereignissen; wobey unser
thätiger Freund sich gewiß im eigentlichsten Sinne bewährt.
Mehr nicht als die hoffnungsvollsten Grüße.
Weimar
den 28. May
1831.
G
[295] Rochlitz war in Weimar und dort krank geworden, auch Goethe war unwohl.
(Briefw. m. Zelter VI. S. 196.) Unter denselben Umständen ist auch der folgende Brief geschrieben.
LX.
Wie doppelt lästig mir diese Tage her eine Abstumpfung alles Geistigen und
ein Mißbehagen aller körperlichen Thätigkeiten geworden, darf ich wohl nicht
aussprechen. An und für sich wäre das schon schwer zu erdulden gewesen, da
ich Sie aber, theuerster Herr und Freund, nur einige Hundert Schritte von mir
entfernt, von gleichem Übel befangen und uns in solcher Nähe eben so getrennt
fühlte als wenn Meilen zwischen uns lägen; so gab das einen bösen
hypochondrischen Zug; wie ein mißlungenes Unternehmen, eine so nah und in
der Erfüllung getäuschte Hoffnung, nur störend in unsre Tage hineinschieben
können. Sie empfinden eben dasselbe und auch, in meinen Sinn sich versetzend,
schärfer, weil in höheren Jahren, man immer weniger geneigt wird auf die
Genüsse des Augenblicks Verzicht zu thun.
Wenn ich nun auch eben in diesem Alter nach Besitz weniger habsüchtig bin als sonst; denn warum sollte man das zu erlangen suchen, was man zunächst
verlassen soll; so lebt aber doch, in gewissen Fällen, die alte Begierde wieder
auf, und es begegnet mir gerade jetzt, indem ich mich anschicke Ihr herrliches
Portefeuille, welches, für mich und mit Freunden, immer Ihre Gegenwart
vermissend, auf das aufmerksamste durchgesehen, zurückzusenden im Begriffe
bin.
Wie dem auch sey: ein gewisses Gefühl heißt mich den Wunsch des
Kunstliebhabers von den Freundesworten zu trennen. Die Form eines
Promemorias soll Ihnen völlige Freyheit lassen meine, vielleicht indiscreten
Äußerungen nach ganz eignem Gefühl und Convenienz zu erwiedern.
Weimar
d. 4 Juni 1831.
Aufs Frische verbunden und
verpflichtet
J W Goethe
Zu geneigter Aufnahme.
Unter den trefflichen Kupferstichen welche uns in dem höchst bedeutenden
Portefeuille mitgetheilt worden findet sich einer, dessen Besitz für mich von dem
größten Werth wäre. Das Blatt stellt vor vier Kirchen-Vater die sich über eine
wichtige Lehre des christlichen Kirchthums vereinigen, nach Rubens von
Cornelius Galae. Von dieser höchst durchdachten und ausgearbeiteten
Composition, besitze ich die Original Gouache von Rubens, genau in derselben
Größe und man kann sich von der Ausführlichkeit derselben, durch das Kupfer
den deutlichsten Begriff machen. Ich würde sie beylegen wenn sie nicht in den
vielbepackten Portefeuilles begraben läge.
Einem Kunstfreund und Kenner darf ich nicht sagen wie zwey solche Blätter
neben einander gelegt den Werth wechselseitig erhöhen indem eins von dem
andern Zeugniß giebt was der Maler beabsichtigt und geleistet und wie der
Kupferstecher, beym Übertragen und Übersetzen, einer so hohen Aufgabe sich
würdig erwiesen; ja es läßt sich sagen: daß man beides erst neben- und
miteinander kennen lerne und eigentlich besitze.
Möge, wie irgend sonst eine Leidenschaft, die sich nicht entschuldigt weil sie
sich nicht helfen kann, auch dieser nicht zurüchzuhaltende Wunsch freundlich
betrachtet werden. Der Liebende verzeiht dem Liebenden wohl einen Fehltritt,
der Kunstfreund dem Kunstfreunde eine, vielleicht unbequeme, Anmaßung, die
man einem geprüften Angehörigen vorzulegen wagt, ohne ihm die Freyheit des
Entschlusses, nach Gefühl und Bezug, im mindesten schmälern zu wollen.