Goethes Briefe an Leipziger Freunde
9. Kinderverstand.
Daß nicht die List muthwill'ger Gäste
Das Brautbett dir unsicher macht.
Er harrt auf dich. Der Fackel Schimmer
Umgläntzt ihn, und ihr flammend Gold
Treibt Weihrauchdampf, der durch das Zimmer
In wollustvollen Wirbeln rollt.
Wie schlägt dein Herz, beym Schlag der Stunde,
Der deiner Freunde Lärm verjagt!
Wie blickst du nach dem schönen Munde,
Der dir nun bald nichts mehr versagt.
Du eilst dein Glücke zu vollenden
Mit Ihr ins Heiligthum herein,
Die Fackel in des Amors Händen
Wird wie ein Nachtlicht still und klein.
Wie glüht vor deiner Küsse Menge
Der Schönen reitzendes Gedicht,
Zum stillen Schertz wird Ihre Strenge,
Denn deine Kühnheit wird zur Pflicht.
Schnell hilft Ihr Amor sich entkleiden,
Und ist doch nicht so schnell als du,
Dann hält der kleine Schalck bescheiden
Sich fest die beiden Augen zu.
9. Kinderverstand.
In großen Städten lernen früh
Die jüngsten Knaben was;
Denn manche Bücher lesen sie,
Und hören dieß und das
Vom Lieben und vom Küssen,
Sie brauchtens nicht zu wissen.
Und mancher ist im zwölften Jahr,
Fast klüger als sein Vater war
Da er die Mutter nahm.
Das Mädgen wünscht von Jugend auf,
Sich hochgeehrt zu sehn,
Sie ziert sich klein und wächst herauf
In Pracht und Assembleen.
Der Stolz verjagt die Triebe
Der Wollust und der Liebe,
Sie sinnt nur drauf wie sie sich ziert,
Ein Aug entzückt, ein Herze rührt,
Und denkt ans andre nicht.
Auf Dörfern sieht's ganz anders aus
Da treibt die liebe Noth,
Die Jungen auf das Feld hinaus
Nach Arbeit und nach Brod.
Wer von der Arbeit müde,
Läßt gern den Mädgen Friede.
Und wer noch obendrein nichts weiß,
Der denkt an nichts, den macht nichts heiß;
So geht's den Bauern meist.
Die Bauermädgen aber sind
In Ruhe mehr genährt,
Und darum wünschen sie geschwind
Was jede Mutter wehrt.
Oft stoßen schöckernd Bräute
Den Bräutgam in die Seite,
Denn von der Arbeit, die sie thun,
Sich zu erhohlen, auszuruhn,
Das können sie dabey.