Goethes Briefe an Leipziger Freunde

Johann Wolfgang von Goethe · Kapitel 26 von 106

PDF-Seiten

Goethes Briefe an Leipziger Freunde

Kapitel V

der Liebe und Freundschaft genießt, dann ist durch eine besondere Sympathie

jede unterbrochne Freundschaft, jede halbverschiedene Zärtlichkeit wieder auf

einmal lebendig. Und Sie, meine liebe Freundin, die ich unter vielen vorzüglich

so nennen kann, nehmen Sie diesen Brief als ein neues Zeugniß, daß ich Sie nie

vergessen werde. Leben Sie glücklich u. s. w.

 

V.

 

Saarbrück am 27 Juni (1771).

Wenn das alles aufgeschrieben wäre, liebe Freundin, was ich an Sie gedacht

habe, da ich diesen schönen Weg hierher machte und alle Abwechselungen eines

herrlichen Sommertages in der süßesten Ruhe genoß; Sie würden mancherlei zu

lesen haben und manchmal empfinden und oft lachen. Heute regnet's, und in

meiner Einsamkeit finde ich nichts reizenders als an Sie zu denken; an Sie, das

heißt zugleich an alle, die mich lieben und auch sogar an Käthchen, von der ich

doch weiß, daß sie sich nicht verläugnen wird, daß sie gegen meine Briefe sein

wird, was sie gegen mich war, und daß sie — Genug, wer sie auch nur als

Silhouette gesehn hat, der kennt sie.

Gestern waren wir den ganzen Tag geritten, die Nacht kam herbei und wir

kamen eben auf's Lothring'sche Gebirg, da die Saar im lieblichen Thal unten

vorbei fließt. Wie ich so rechter Hand über die grüne Tiefe hinaussah und der

Fluß in der Dämmerung so graulich und still floß und linker Hand die schwere

Finsterniß des Buchenwaldes vom Berg über mich herabhing, wie um die

dunklen Felsen durchs Gebüsch die leuchtenden Vögelchen still und

geheimnißvoll zogen; da wurd's in meinem Herzen so still wie in der Gegend

und die ganze Beschwerlichkeit des Tags war vergessen wie ein Traum, man

braucht Anstrengung, um ihn im Gedächtniß aufzusuchen.

Welch Glück ist's, ein leichtes, ein freies Herz zu haben! Muth treibt uns an

Beschwerlichkeit, an Gefahren; aber große Freuden werden nur mit großer Mühe

erworben. Und das ist vielleicht das meiste was ich gegen die Liebe habe; man

sagt, sie mache muthig; nimmermehr! Sobald unser Herz weich ist, ist es

schwach. Wenn es so ganz warm an seine Brust schlägt und die Kehle wie

zugeschnürt ist, und man Thränen aus den Augen zu drücken sucht und in einer

unbegreiflichen Wonne dasitzt, wenn sie fließen, o da sind wir so schwach, daß

uns Blumenketten fesseln, nicht weil sie durch irgend eine Zauberkraft stark

sind, sondern weil wir zittern sie zu zerreissen.

Muthig wird wohl der Liebhaber, der in Gefahr kommt, sein Mädchen zu

verlieren, aber das ist nicht mehr Liebe, das ist Neid. Wenn ich Liebe sage, so

verstehe ich die wiegende Empfindung, in der unser Herz schwimmt, immer auf

einem Fleck sich hin und her bewegt, wenn irgend ein Reiz es aus der

gewöhnlichen Bahn der Gleichgültigkeit gerückt hat. Wir sind wie Kinder auf

dem Schaukelpferde immer in Bewegung, immer in Arbeit und nimmer vom

Fleck. Das ist das wahrste Bild eines Liebhabers. Wie traurig wird die Liebe,

wenn man so schenirt ist, und doch können Verliebte nicht leben, ohne sich zu

scheniren.

Sagen Sie meinem Fränzchen, daß ich noch immer ihr bin. Ich habe sie viel

lieb, und ich ärgerte mich oft, daß sie mich so wenig schenirte; man will

gebunden sein wenn man liebt.

Ich kenne einen guten Freund, dessen Mädchen oft die Gefälligkeit hatte, bei

Tisch des Liebsten Füße zum Schemel der ihrigen zu machen.[146] Es geschah

einen Abend, daß er aufstehen wollte, eh es ihr gelegen war; sie drückte ihren

Fuß auf den seinigen, um ihn durch diese Schmeichelei festzuhalten;

unglücklicher Weise kam sie mit dem Absatz auf seine Zehen, er stand viel

Schmerzen aus, und doch kannte er den Werth einer Gunstbezeugung zu sehr,

um seinen Fuß zurückzuziehen.

 

[146] Vgl. das in Leipz. gedichtete Lied „Der wahre Genuß“ (S. 182):

Ich bin genügsam, und genieße,

Schon da, wenn sie mir zärtlich lacht,

Wenn sie beym Tisch des Liebsten Füße

Zum Schemmel ihrer Füße macht.

 

Unter einer nicht unbedeutenden Anzahl von Briefen und Concepten von

Friederike Oeser, welche ich durchgesehen habe, fand sich leider keiner der an

Goethe geschriebenen. Um ein lebendigeres Bild von seiner Correspondentin zu

erhalten, wird es nicht ohne Interesse sein ein Bruchstück aus einem Briefe an

einen Freund in Dresden vom 21. Jan. 1770 hier zu lesen.

„Ich war, wie Sie wissen, der Liebling meines Vaters und seine stete

Gesellschaft, auch selbst bey seinen Geschäften. Tausend kleine Streiche, die ich

meinem phlegmatischen Bruder Hanß spielte, verriethen ein anschlägisches

Köpfchen und oft eine kleine ‘fühlbare’ Thräne, bei dem Unglück einer Yariko,

und eine Erbitterung über Beatens harte Gabe, ein gutes Herz, bey alle dem wurde oft auch ein gut Theilgen Ehrgeiz wahrgenommen. Doch plötzlich kam

der grausame Krieg, der mir, vielleicht auf ewig, meine geliebte Vaterstadt

entrissen! wir flüchteten vor seiner Wuth auf ein gräfliches Schloß,[147] wo wir

uns 3 glückliche Jahre, von allen Unruhen entfernt, aufhielten. Hier l. N. wurde

Ihre Freundin ein kleines Bauermädchen, die am liebsten Erdäpfel raufte oder

zur Kirmes gieng! mein Vater war die meiste Zeit von uns entfernt, jeden Monat

glaubten wir aufzubrechen, es wurde also kein Lehrer angenommen außer einem

Schreibemeister, den seine gros gewachsene Schülerin noch täglich durch eine

erstaunenswürdige [148] Hand verewigt! meines Vaters kleine Reisebibliothek war

alles womit ich mir bei grosen Regen die Zeit verkürzen konnte, ich las auch

sehr fleißig, bey so traurigen Umständen und in diesen Zeiten erwarb ich mir

meine Begriffe von der grosen Welt. Ich hatte von Jugend auf über mein

verstümmeltes Gesichte klagen gehört, ich wußte also, schon in meinem 9.

Jahre, daß ich nicht hübsch war (große Wissenschaft für junge Mädchen!) ich

kannte das Unglück nur halb und wußte mich darüber zu trösten. „Hast du

keinen schönen Körper, so sorge doch für andere schöne Tugenden (sagte ich zu

mir selbst), du mußt geschickter werden als die ganze Welt, alles besser lernen

als Mädchen die schön sind es zu lernen brauchen, denn dieses muß nothwendig

der zweite Weg seyn, auf welchem man glücklich zu gefallen weiß. Es giebt

lauter gute vernünftige Leuthe in der Welt. Und wenn du nur einmal gros bist, so

mußt du dich in ihrer Gesellschaft ohne Nachteil zeigen können; wenn man diese

oder jene wichtige Frage an dich thut, so mußt du dich in keiner Verlegenheit

finden, darauf richtig zu antworten.“ Kurz l. N. meine Welt war ein gröserer

Sammelplatz von Seltenheiten als Rolands Entdeckungen in dem Mond! und nie

kann mehr Ehrgeiz in einem jungen Busen gelodert haben, doch Ehrgeiz ohne

Stolz; ich war fast ganz unempfindlich wenn man mich über etwas lobte,

besonders wie ich mich in meine Vorstellungen betrogen fand, und nach und

nach die Leipziger Welt, als meine Welt, kennen lernte. Ich lernte sie und mich

besser einsehen und da ich erst aus Ehrgeiz Beyspiele vor Augen genommen

hatte (doch ist hier bloß von Geschicklichkeiten die Rede, denn mein Herz hatte

seine besondere Ökonomie) die ich nie erreichen konnte, und ich endlich diese

Kenntniß, als das sicherste Mittel, mich für mehr als gewöhnlicher Eitelkeit zu

bewahren, zu nuzen suchte, so war es mir leicht, mich von dieser unglücklichen

Sucht ziemlich zu heilen. Ich folgte nun ganz den Eingebungen meines ehrlichen

guten Herzens, ich ward gegen eine Welt fast gleichgültig, in der ich böses hörte

und viel unnüzes sah. Ich lernte meine Fehler nach und nach einsehen, und desto

mehr Nachsicht gegen die Schwachheiten meiner Freunde (die ich nur zu gut

entdeckte!) haben. Ich überließ mich gänzlich meinen Lieblingsneigungen, besonders dem Hange zum Lesen, wo ich dabey dem Rath vernünftiger Personen

folgte, doch las ich nur solche Bücher, die mich reformireten und vergnügten, in

dem grosen weitläuftigen doch unentbehrlichen Buch der menschlichen

Erfahrungen lernte ich endlich auch ein paar Blätter umwenden. Und so bin ich

das Mädchen geworden daß ich bin! daß Sie sehr gut kennen, l. N., und daß sich

wohl schwerlich jemals von seinen Mängeln und grosen Fehlern ganz heilen

wird. Wie ist nun dieses Mädchen geschickt, gründliche Urtheile über diese oder

jene Abhandlungen zu sagen, da es nur die Schönheiten, die es fühlt, seinem

Herzen und nicht seiner Kenntniß zu verdanken hat? und auch nicht eine Regel

weiß, wodurch man das Gegentheil bei dieser oder jener Stelle beweisen könnte!

Wollen Sie diese Urtheile meiner Empfindung anhören? so bin ich bereit Sie

Ihnen bei jeder vorfallenden Gelegenheit mitzutheilen, aber um die Ursache,

warum ich so empfinde, dürfen Sie mich nicht fragen! ich würde Ihnen

höchstens: daß weiß ich selbsten nicht! antworten.“

 

[147] Dahlen, ein Gut des Grafen Bünau.

[148] Ihre Hand ist sehr deutlich, fest und bestimmt.