Goethes Briefe an Leipziger Freunde

Johann Wolfgang von Goethe · Kapitel 103 von 106

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Goethes Briefe an Leipziger Freunde

Kapitel LIX

aufnehmen wie es gegeben ist, in welchen gleiche Gesinnungen auf- und

absteigen, gleiche Erfahrungen zu denselben Resultaten führen.

Und so bin ich mit meinen ältern und neuern Productionen in diesem Sinne

gar wohl zufrieden. Ich habe mich möglichst vor allem didactischen gehütet und

es durchaus in ein poetisches Leben einzugeisten gesucht. Nun muß es mich

höchlich freuen wenn ein so löblich Mitarbeitender, Mitlebender auch sich selbst

und Verwandtes in meinen Heften findet, sich an den Mängeln wie an den

Tugenden erbaut; weil das Ganze zuletzt von einem redlichen Streben nach

einem edlen Zwecke Zeugniß giebt, der nie erreicht, aber immer im Auge

behalten, den Muth giebt Kräfte zu steigern, um sich und andern, bald einsam

bald gesellig, einen Weg zu bahnen, der, zurückgelegt, selbst schon als erreichter

Zweck betrachtet werden kann.

Hier muß ich aufhören um nicht gar ins Abstruse zu gelangen, ob ich gleich

mich in keine Region begeben könnte, wohin Sie mich nicht, mit Beystimmung

und Zufriedenheit, begleiten möchten.

Eilig sey dies Blatt zusammengelegt um nicht einen Posttag länger zu

verweilen. Mit den treusten Wünschen von Herzen angehörig

Weimar

den 6. Aprl.

1830. [294]

 

J W Goethe

 

[293] Für ruhige Stunden. Leipzig 1828. 2 Thle.

[294] Am 15. Nov. theilte Kanzler v. Müller in Goethes Auftrage die traurige Nachricht

vom Tode seines Sohnes mit, die er dem Vater selbst hatte bringen müssen, welcher sie mit großer Fassung und Ergebenheit aufgenommen und ausgerufen hatte: non ignoravi me mortalem genuisse! während seine Augen sich mit Thränen füllten. Später erfolgte von demselben Bericht über Goethes Befinden.

 

LIX.

 

Lassen Sie uns doch ja, mein Theuerster, der Anmuth einer nachbarlichen

schnellen Communikation genießen; eine solche Halbgegenwart ertheilt eigene

Reize.[295] Und so sey es denn gesagt: daß ich mich in einem leidlichen, aber

freylich nicht präsentablen Zustand befinde; aufnehmen und verarbeiten kann ich wohl, aber nicht erwiedern; so wie ich schon seit acht Tagen nicht dazu