Goethes Briefe an Leipziger Freunde
Kapitel II
Hardenberg, Hrn. v. Lieven, Hrn. Huber, bitte ich insbesondere meiner
Ergebenheit zu versichern, und meinem Successor Hrn. Grönig den schnellsten
Fortgang in der Kunst zu wünschen. Ich binn mit der beständigsten
Hochachtung,
Theurester Hr. Professor
Franckfurt am Mayn,
am 13 Sept. 1768.
Dero ergebenster
J W Goethe
[107] Der nachher noch genannte Joh. Christ. Jung, Aufwärter bei der Kunstakademie auf
der Pleißenburg, welcher seines Handwerkes ein Tischler war und den Titel eines Modelltischlers führte.
II.
Franckfurt, am 9 Nov.
1768.
Hochgeehrtester Herr Professor,
Das Aussenbleiben Ihres Junges, hat diesen Brief, den ich so balde zu
schreiben schuldig war, um einen Monat und drüber verzögert. Mit ihm hoffte
ich ein Paquet Briefe, und ein Paquet Kleinigkeiten nach Leipzig zu schicken,
die nun auf eine andre Gelegenheit warten mögen.
Wenn Sie nicht mehr Nachricht von ihm haben als ich; so werden Sie
unruhiger seyn als ich; denn ich dencke immer, er hat entweder an Sie
geschrieben, oder ist durch einen andern Weeg zu Ihnen zurückgekehrt. Bald
hoffe ich's zu erfahren; ein guter Freund hat es auf sich genommen, sich in
Grehweiler zu erkundigen wie es mit ihm und seinen Sachen steht.
Meine Gesundheit fängt an, wieder etwas zu steigen, und doch ist sie noch
nicht viel über's Schlimme. Inliegender Brief, den ich mich unterstanden habe an
Ihre Mademoiselle Tochter zu schreiben, sagt mehr von diesem Punckte, und
mehr von meinem übrigen Leben.
Die Kunst, ist, wie sonst, fast jetzt meine Hauptbeschäfftigung, ob ich gleich
mehr drüber lese, und dencke, als selbst zeichne, denn jetzt da ich so allein lauffen soll, fühle ich erst meine Schwäche; es will gar nicht mit mir fort Herr
Professor, und ich weiss vor der Hand nichts anders, als das Lineal zu ergreifen,
und zu sehen, wie weit ich mit dieser Stütze in der Baukunst und in der
Perspecktiv kommen kann.
Was binn ich Ihnen nicht schuldig, Theuerster Herr Professor, dass Sie mir
den Weeg zum Wahren und Schönen gezeigt haben, dass Sie mein Herz gegen
den Reitz fühlbaar gemacht haben. Ich binn Ihnen mehr schuldig, als dass ich
Ihnen dancken könnte. Den Geschmack den ich am Schönen habe, meine
Kenntnisse, meine Einsichten, habe ich die nicht alle durch Sie? Wie gewiss, wie
leuchtend wahr, ist mir der seltsame, fast unbegreifliche Satz geworden, dass die
Werckstatt des grossen Künstlers mehr den keimenden Philosophen, den
keimenden Dichter entwickelt, als der Hörsaal des Weltweisen und des
Kritickers. Lehre tuht viel, aber Aufmunterung tuht alles. Wer unter allen meinen
Lehrern hat mich jemals würdig geachtet mich aufzumuntern, als Sie. Entweder
ganz getadelt, oder ganz gelobt, und nichts kann Fähigkeiten so sehr
niederreissen. Aufmunterung nach dem Tadel, ist Sonne nach dem Reegen,
fruchtbaares Gedeyen. Ja Herr Professor wenn Sie meiner Liebe zu den Musen
nicht aufgeholfen hätten ich wäre verzweifelt. Sie wissen was ich war da ich zu
ihnen kam, und was ich war da ich von Ihnen ging, der Unterschied ist Ihr
Werck. Ich weiss wohl, es war mir wie Prinz Biribinckern nach dem
Flammenbaade,[108] ich sah ganz anders, ich sah mehr als sonst; und was über
alles geht, ich sah was ich noch zu tuhn habe, wenn ich was seyn will.
Sie haben mich gelehrt demütig ohne Niedergeschlagenheit, und stolz ohne
Präsumtion zu seyn. Ich würde kein Ende finden, zu sagen was Sie mich gelehrt
haben; verzeihen Sie meinem danckbaaren Herzen diese Apostrophe, diese
Sentenzen; das habe ich mit allen tragischen Helden gemein, dass meine
Leidenschafft sich sehr gerne in Tiraden ergiesst, und wehe dem der meiner Lava
in den Weeg kömmt.
Die Gesellschafft der Musen, und eine fortgesetzte schrifftliche Unterredung
mit meinen Freunden, wird mir diesen Winter ein kränckliches einsames Leben
angenehm machen, das ohne sie für einen Menschen von zwanzig Jahren eine
ziemliche Folter seyn möchte.
Mein Freund Seekatz[109] ist einige Wochen vor meiner Ankunft gestorben.
Meine Liebe für die Kunst, meine Danckbarkeit gegen die Künstler, werden
Ihnen das Maas meines Schmerzens angeben. Sollte Hr. CrStEinnehmer Weise
die Gefälligkeit für mich haben wollen, einige Nachrichten von seinem Leben
und seiner Kunst in die Bibliotheck einzurücken: so wollte ich sie Ihnen
zusenden.[110] Haben Sie die Gütigkeit, ihn bey Gelegenheit darum zu ersuchen. Idris habe ich eben gelesen, meine Gedancken hiervon ein andermal. Meine
Eltern grüssen Sie und Ihre Famielie, mit der Liebe und Danckbaarkeit, die sie
einem Manne schuldig sind, dem ihr Sohn so viel schuldig ist. Leben Sie wohl.
Ich binn
Theuerster Hr. Professor
Der Ihrige
Goethe.