Goethes Briefe an Leipziger Freunde

Johann Wolfgang von Goethe · Kapitel 41 von 106

PDF-Seiten

Goethes Briefe an Leipziger Freunde

An Venus.

An einem hübschen Frühlingstag

Kann sie der Jüngling brauchen.

Der Dichter blinzt von ferne zu,

Jetzt drückt ihm diätätsche Ruh

Den Daumen auf die Augen.

 

Halb scheel, halb weise sieht sein Blick,

Ein bißgen naß auf euer Glück,

Und jammert in Sentenzen.

Hört seine letzten Lehren an,

Er hat's so gut wie ihr gethan

Und kennt des Glückes Gränzen.

 

Ihr seufzt, und singt, und schmelzt und küßt,

Und jauchzet ohne daß ihr's wißt,

Dem Abgrund in der Nähe.

Flieht Wiese, Bach und Sonnenschein,

Schleicht, sollt's auch wohl im Winter seyn,

Bald zu dem Heerd der Ehe.

 

Ihr lacht mich aus und rufft: der Thor!

Der Fuchs, der seinen Schwanz verlohr,

Verschnitt jetzt gern uns alle.

Doch hier paßt nicht die Fabel ganz,

Das treue Füchslein ohne Schwanz

Das warnt auch für der Falle.

 

„Vielleicht ist in der letzten Zeile euch für auch zu lesen.“

Tieck.

 

An Venus.

 

Große Venus, mächtge Göttin!

Schöne Venus, hör mein Flehn.

Nie hast du mich

Über Krügen vor dem Bachus

Auf der Erden liegen sehn.

 

Keinen Wein hab ich getrunken

Den mein Mädchen nicht gereicht.

Nie getrunken,

Daß ich nicht voll güt'ger Sorge

Deine Rosen erst gesäugt.

 

Und dann goß ich auf dies Hertze,

Das schon längst dein Altar ist,

Von dem Becher

Güldne Flammen, und ich glühte,

Und mein Mädchen ward geküßt.

 

Dir allein empfand dies Hertze

Göttin gieb mir einen Lohn.

Aus dem Lethe

Soll ich trinken wenn ich sterbe,

Ach befreye mich davon.

 

Laß mir Gütige — dem Minos

Sey's an meinem Todt genug —

Mein Gedächtniß!

Denn es ist ein zweytes Glücke

Eines Glücks Erinnerung.

 

16. Nur für dich empfand dies Herze (Muse).