Goethes Briefe an Leipziger Freunde

Johann Wolfgang von Goethe · Kapitel 12 von 106

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Goethes Briefe an Leipziger Freunde

Kapitel VIII

mehr kleinen Bruder, der ohnezweifel ein starcker Musickus geworden seyn

wird. Grüßen Sie mir alle lieben Freunde, und erneuern Sie mein Andencken,

einigermassen um Sich her.

Leben Sie wohl, geliebteste Freundinn, nehmen Sie diesen Brief, mit Liebe

und Gütigkeit auf, mein Herz mußte doch noch einmal reden, zu einer Zeit, wo

ich nur durch einen Traum von der Begebenheit benachrichtiget war, die mir es

hätte verbieten können. Leben Sie tausendmal wohl, und dencken Sie manchmal

an die zärtlichste Ergebenheit

 

Ihres

Goethe.

 

VIII.

 

Frankf. d 23. Jan. 1770.

Meine liebe Freundinn

Wahrhafftig es war mein ganzer Ernst da ich meinen letzten Brief schrieb,

keine Feder wieder anzusetzen, Ihnen zu schreiben; Aber, es war sonst auch offt

mein ganzer Ernst, etwas nicht zu thun, und Käthgen konnte mich es thun

machen wie es ihr beliebte, und wenn die Frau Docktorinn eben die Gabe behält,

nach ihrem Köpfgen die Leute zu gouverniren, so werd ich auch wohl an Mad.

Canne schreiben müssen, und wenn ich es auch tausendmal mehr verschworen

hätte, als ich es gethan habe. Wenn ich mich recht erinnere so war mein letzter

Brief einigermassen in einer traurigen Gestalt, dieser geht schon wieder aus

einem noch munterern Tone, weil Sie mir biss auf Ostern Aufschub gegeben

haben. Ich wollte Sie wären kopulirt und Gott weiss was noch mehr. Aber im

Grunde schiert mich's doch, das können Sie sich vorstellen.

Ich weiss nicht ob Sie die Bücher von mir bekommen haben. Es war nicht zeit

sie einbinden zu lassen. Und das kleine französische lassen Sie sich

rekommandirt seyn. Sie haben eine Uebersetzung davon, und ich weiss doch

dass Sie ein bissgen Französisch lernen.

Dass ich ruhig lebe, das ist alles was ich Ihnen von mir sagen kann, und frisch

und gesund, und fleisig, denn ich habe kein Mädgen im Kopfe. Horn und ich

sind noch immer gute Freunde, aber wie es in der Welt geht, er hat seine

Gedancken, und seine Gänge, und ich habe meine Gedancken und meine Gänge,

und da vergeht eine Woche und wir sehen uns kaum einmal.

Aber alles wohl betrachtet, Frankfurt binn ich nun endlich satt, und zu Ende

des Merzens geh ich von hier weg. Zu Ihnen darf ich nun noch nicht kommen

das merck ich; denn wenn ich Ostern käme so wären Sie vielleich noch nicht

verheurahtet. Und Käthgen Schönkopf mag ich nicht mehr sehen; wenn ich sie

nicht anders sehen soll, als so. Zu Ende Merzens geh ich also nach Strasburg,

wenn Ihnen daran was gelegen ist, wie ich glaube. Wollen Sie mir auch nach

Strasburg schreiben? Sie werden mir eben keinen Possen thun. Denn Käthgen

Schönkopf — nun ich weiss ja am besten, dass ein Brief von Ihnen mir so lieb

ist als sonst eine Hand.

Sie sind ewig das liebenswürdige Mädgen, und, werden auch die

liebenswürdige Frau seyn. Und ich, ich werde Goethe bleiben. Sie wissen was

das heisst. Wenn ich meinen Nahmen nenne, nenne ich mich ganz, und Sie

wissen, dass ich, so lang als ich Sie kenne, nur als ein Theil von Ihnen gelebt

habe.

Ehe ich von hier weg gehe, sollen Sie das restirende Buch bekommen; und

einen Fächer und ein Halstuch bleibe ich Ihnen schuldig biss ich aus Franckreich

zurückkomme.

In Strasb. werde ich bleiben, und da wird sich meine Adresse verändern wie

die Ihrige, es wird auf beyde etwas vom Doctor kommen.

Von Strasb. ziehe ich nach Paris, und hoffe mich da sehr wohl zu befinden,

und vielleicht eine gute Zeit da zu bleiben. Und hernach — das weiss Gott, ob

daraus was wird. Nun auf Ostern wird dann hoffentlich Ihre Verbindung vor sich

gehen. Eh nun wenn es Ostern nicht ist so ist's Michael, und wenn es ja Michael

nicht geschähe, so häng ich mich gewiss nicht.

Wenn ich Ihnen den Fächer und das Halstuch selbst brächte, und noch sagen

könnte Mdlle. S. oder Käthgen S. wie sich's nun weissen würde. Eh nun da wär

ich auch Docktor und zwar ein französcher Docktor. Und am Ende wäre doch Fr.

Dockt. C. und Fr. Dockt. G. ein herzlich kleiner Unterschied.

Inzwischen leben Sie schöne wohl und grüssen Sie mir Vater Schönkopf und

die l. Mutter und Freund Petern.

Mit Breitkopfs binn ich fast aus aller Connexion, wie mit aller Welt. Ich habe

zwar, erst kurz Briefe, aber es ist mir nicht um's Herz zu antworten.

Stenzel liebt noch den Riepel den Pegauer[56] zum Sterben, mir kömmt es

einfältig vor, und ärgerlich, Sie können Sich dencken warum. Die Trauben sind

sauer sagte der Fuchs. Es könnte wohl noch gar am Ende eine Ehe geben, und

das wär ein Specktackel, aber ich wüsste doch noch eine Ehe, die im noch ein

grösserer Specktackel wäre. Und doch ist sie nicht unmöglich, nur

unwahrscheinlich.

Wir haben uns hier schön eingericht. Wir haben ein ganzes Haus, und wenn

meine Schwester heurahtet, so muss sie fort, ich leide keinen Schwager, und

wenn ich heurahte so theilen wir das Haus, ich und meine Eltern, und ich kriege

10 Zimmer alle schön und wohl meublirt im Frankf. Gusto.

Nun Käthgen, es sieht doch aus als wenn Sie mich nicht möchten, freyen Sie

mir eine von Ihren Freundinnen, die Ihnen am ähnlichsten ist. Denn was soll das

Herumfahren. In zwei Jahren binn ich wieder da. Und hernach. Ich habe ein

Haus, ich habe Geld. Herz was begehrst du? Eine Frau!

Adieu liebe Freundinn. Heut war ich einmal lustig, und habe schlecht

geschrieben. Adieu meinen beste.[57]

[56] Horn wurde im Scherz der Pegauer genannt; Stenzel ist Constantie.

 

[57] Am 5. März 1770 schrieb Horn: „Goethe läßt Sie diesmal grüßen. Er geht nach

Straßburg;“ und am 9. April: „Goethe ist vor 8 Tagen in Straßburg angekommen. Ich habe ihn bis nach Maintz begleitet. Er wird Ihnen wohl bald einmal schreiben.“ Dies geschah freilich nicht, obgleich er sie nicht vergessen hatte.

 

Radirung von Goethe

 

Radirung von Goethe, s. S. 45.

 

In Mercks Briefen (III. S. 13) ist folgendes französische Gedicht mitgetheilt,

welches Dr. Wolff in Darmstadt von Goethes Hand geschrieben besaß und als

von ihm herrührend bezeichnete.

.... Que l'amour soit mon Maître

J'écouterai lui seul, lui seul doit me guider

Au sommet du bonheur, par lui je veux monter,

Au sommet de la science monté par l'industrie.

Je reviens, cher ami, pour revoir ma patrie

Et viens voir, en dépit de tout altier censeur,

Si elle est en état d'achever mon bonheur.

Mais il faut jusques-là, que votre main m'assiste.

Laissés parler toujours ce docte Moraliste.

Ecrivés moi. Que fait l'enfant autant aimé?

Se souvient-il de moi? ou m'a-t-il oublié?

Ah! ne me cachés rien, qu'il m'élève ou m'accable,

Un poignard de sa main me seroit agréable;

Ecrives. C'est alors que, de mon coeur chéri

Comme elle est mon amante, vous sérés mon ami.

 

Leipzig, le 2 Juin 1769.

 

Cher ....

le votre

Goethe.

 

Daß die Unterschrift falsch ist, liegt zu Tage. Denn am 2. Juni 1769 war

Goethe nicht in Leipzig, sondern in Frankfurt, und der obige Brief vom 1. Juni

1769 läßt es nicht glaublich scheinen, daß er den Tag darauf dieses Gedicht

geschrieben habe. Ist es in Leipzig gemacht und die Jahreszahl unrichtig, so wird

es schwer sein die Situation auszufinden, in welcher er es schreiben konnte.