Goethes Briefe an Leipziger Freunde

Johann Wolfgang von Goethe · Kapitel 62 von 106

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Goethes Briefe an Leipziger Freunde

Kapitel VII

kommt in einiger Zeit ein Engländer der Chevalier Osborn[231] nach Leipzig, ein

schon bejahrter, höchst erfahrner und interessanter Mann von dem besten

Charakter. Er ist Mitglied der königl. Societät zu London und wünscht den

Leipziger Gelehrten aufgeführt zu werden. Sie erzeigen ihm wohl um seinet- und

meinetwillen diese Gefälligkeit. Der ich mich mit vorzüglicher Hochachtung

unterzeichne

Weimar den 3 April 1807.

 

Goethe

 

[230] Von Rochlitz wurde gegeben „Es ist die rechte nicht.“

[231] Werke XXVII. S. 220.

 

VII.

 

Ew. Wohlgebornen

empfangen meinen lebhaften Dank für Ihren vertraulichen Brief, dessen Inhalt

ich bestens zu benutzen gesucht habe. Unsre Regie wird sich gleich bey ihrer

Ankunft Ihren fernern gütigen Rath erbitten.

Einen Prolog habe ich nach Ihren Wünschen auch mitgegeben. [232] Wollten

Sie die Gefälligkeit haben, ihn durchzusehen und zu beurtheilen ob er am Platz

paßt, welches man in der Entfernung nicht so gut empfinden kann.

Da übrigens die älteren Schauspieler Ihnen schon bekannt sind und sich eher

zu produciren wissen; so wollte ich Ihnen besonders unsere jüngeren empfehlen,

den Nachwuchs, dessen Emporkommen uns bey der Lage unseres Theaters

höchst angelegen seyn muß.

Demoisell Elsermann, ein munteres Kind, von gutem Betragen, wird Ihnen

gefallen und Sie vielleicht anlocken ihr über diese oder jene Rolle etwas zu

sagen. Sie hat etwas Manier von Berlin mitgebracht, worüber sie aber schon

aufgeklärt ist und nur manchmal einer kleinen Erinnerung deshalb bedarf.

Die Herren Lorzing und Deny sind gute gesittete Leute, nicht ohne Talent und

vom besten Willen. Da sie nun mehr in Routine kommen, so wird es auch mit

ihnen vorwärts gehen.

Im Ganzen bin ich überzeugt, daß der Aufenthalt in Leipzig für unsre

Gesellschaft sehr wohlthätig seyn wird, besonders wenn sich einige Kenner und

Freunde zu Mittelspersonen zwischen ihr und dem Publicum machen wollen; welches höchst nothwendig ist, damit man sich bald wechselseitig befreunde und

keine Mißverständnisse entstehen.

Ich wünsche, daß alles gut gehen möge, und daß Ew. Wohlgebornen zuletzt

mit Zufriedenheit das Amt eines Epilogisten übernehmen möchten. Denn wenn

man einen Prolog noch allenfalls in der Ferne schreiben kann, so darf der Epilog

nur aus einer unmittelbaren Nähe entspringen.

Zu Ende dieses Monats geh' ich nach Carlsbad und hoffe dort für meine von

Zeit zu Zeit sich wieder zeigenden Übel, wo nicht völlige Genesung, doch

Linderung. Möge dieser mein Brief auch Sie von jedem Anfall befreyt antreffen.

Gesundheit brauchte man wohl niemals mehr als gegenwärtig. Mich zu

geneigtem Andenken empfehlend.

Weimar

den 12 May 1807.

 

Goethe