Goethes Briefe an Leipziger Freunde
Kapitel VII
kommt in einiger Zeit ein Engländer der Chevalier Osborn[231] nach Leipzig, ein
schon bejahrter, höchst erfahrner und interessanter Mann von dem besten
Charakter. Er ist Mitglied der königl. Societät zu London und wünscht den
Leipziger Gelehrten aufgeführt zu werden. Sie erzeigen ihm wohl um seinet- und
meinetwillen diese Gefälligkeit. Der ich mich mit vorzüglicher Hochachtung
unterzeichne
Weimar den 3 April 1807.
Goethe
[230] Von Rochlitz wurde gegeben „Es ist die rechte nicht.“
[231] Werke XXVII. S. 220.
VII.
Ew. Wohlgebornen
empfangen meinen lebhaften Dank für Ihren vertraulichen Brief, dessen Inhalt
ich bestens zu benutzen gesucht habe. Unsre Regie wird sich gleich bey ihrer
Ankunft Ihren fernern gütigen Rath erbitten.
Einen Prolog habe ich nach Ihren Wünschen auch mitgegeben. [232] Wollten
Sie die Gefälligkeit haben, ihn durchzusehen und zu beurtheilen ob er am Platz
paßt, welches man in der Entfernung nicht so gut empfinden kann.
Da übrigens die älteren Schauspieler Ihnen schon bekannt sind und sich eher
zu produciren wissen; so wollte ich Ihnen besonders unsere jüngeren empfehlen,
den Nachwuchs, dessen Emporkommen uns bey der Lage unseres Theaters
höchst angelegen seyn muß.
Demoisell Elsermann, ein munteres Kind, von gutem Betragen, wird Ihnen
gefallen und Sie vielleicht anlocken ihr über diese oder jene Rolle etwas zu
sagen. Sie hat etwas Manier von Berlin mitgebracht, worüber sie aber schon
aufgeklärt ist und nur manchmal einer kleinen Erinnerung deshalb bedarf.
Die Herren Lorzing und Deny sind gute gesittete Leute, nicht ohne Talent und
vom besten Willen. Da sie nun mehr in Routine kommen, so wird es auch mit
ihnen vorwärts gehen.
Im Ganzen bin ich überzeugt, daß der Aufenthalt in Leipzig für unsre
Gesellschaft sehr wohlthätig seyn wird, besonders wenn sich einige Kenner und
Freunde zu Mittelspersonen zwischen ihr und dem Publicum machen wollen; welches höchst nothwendig ist, damit man sich bald wechselseitig befreunde und
keine Mißverständnisse entstehen.
Ich wünsche, daß alles gut gehen möge, und daß Ew. Wohlgebornen zuletzt
mit Zufriedenheit das Amt eines Epilogisten übernehmen möchten. Denn wenn
man einen Prolog noch allenfalls in der Ferne schreiben kann, so darf der Epilog
nur aus einer unmittelbaren Nähe entspringen.
Zu Ende dieses Monats geh' ich nach Carlsbad und hoffe dort für meine von
Zeit zu Zeit sich wieder zeigenden Übel, wo nicht völlige Genesung, doch
Linderung. Möge dieser mein Brief auch Sie von jedem Anfall befreyt antreffen.
Gesundheit brauchte man wohl niemals mehr als gegenwärtig. Mich zu
geneigtem Andenken empfehlend.
Weimar
den 12 May 1807.
Goethe