Goethes Briefe an Leipziger Freunde

Johann Wolfgang von Goethe · Kapitel 23 von 106

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Goethes Briefe an Leipziger Freunde

Kapitel II

 

Mademoiselle,

Sie ist lang ausgeblieben, die Antwort! soll ich Sie wohl um Vergebung

bitten? Nein gewiss, wenn ich das dürfte; Wenn ich sagen dürffte: Mamsell,

verzeihen Sie, ich hatte viel, viel Geschäffte, daran sich Herckules den Arm aus

der Pfanne hätte heben mögen, ich konnte ohnmöglich, die Tage waren kurz,

mein Gehirn, wegen der Einstrahlung des Steinbocks und Wassermanns, etwas

kalt und feucht, und noch die ganze Reihe von alletags Entschuldigungen, um

nicht auf sich kommen zu lassen, man sey faul, dazugerechnet; Sehen Sie, wenn

ich in Umständen wäre, so was zu sagen, ich schrieb lieber in meinem Leben

nicht. O Mamsell, es war eine impertinente Composition von Laune meiner

Natur, die mich vier Wochen, an den Bettfus, und vier Wochen, an den Sessel

anschraubte, dass ich eben so gerne die Zeit über, hätte in einen gespaltenen

Baum wollen eingezaubert seyn. Und doch sind sie herum, und ich habe das

Capitel von Genügsamkeit, Geduld, und was übrigens für Materien ins Buch des

Schicksaals gehören, wohl und gründlich studiert, binn auch dabey etwas kluger

geworden; Sie werden mir also verzeihen wenn dieser Brief, mehr ein

Commentar zu dem Ihrigen, als eine Antwort darauf wird; denn so viel Freude

ich über das Blätgen gehabt habe, so viel habe ich auch dawider einzuwenden,

und — Honneur aux Dames — aber wahrhafftig, Sie haben unrecht.

Wir müssen uns besser verstehn, eh wir uns weiter herauslassen.

Vorausgesetzt, dass ich nicht mit Ihnen zufrieden binn! Und nun will ich

anfangen, von Anfang biss zu Ende, ordentlich wie ein Cronickenschreiber; der

Brief wird so lang werden, wie die Glosse eines Dompfaffen, über einen kleinen,

leichten Text.

Sie wissens von Alters her, — wenigstens ist es meine Schuld nicht, wenn Sie

es nicht wissen — Sie wissen, daß ich Sie für ein sehr gutes Mädgen halte, die

schon, wenn Ihr dran gelegen wäre, einen ehrlichen Menschen mit dem

weiblichen Geschlecht wieder versöhnen könnte, und wenn er aufgebracht wäre

wie Wieland. Wenn ich mich irre; so ist das wieder meine Schuld nicht. Zwey

Jahre beynahe, binn ich in Ihrem Hause herumgegangen, und ich habe Sie fast so

selten gesehen, als ein Nachtforschender Magus einen Alraun pfeifen hört.

Von dem also zu reden was ich gesehen habe — die Kirche urtheilt nicht übers

Verborgne, sagte Paris — So versichre ich Sie, dass ich davon bezaubert binn;

aber wahrhafftig die ‘Philosophen’ von meiner Art, haben meist Ulysses

Kräuterbüschel, unter den andern Galanterien, in einem Sachet bey sich, dass

Ihnen die stärckste Bezauberung nicht mehr schadet als ein starcker Rausch, Kopfweh den andern Morgen, aber die Augen sind doch wieder helle. Dieses

wohl begriffen, damit wir uns nicht missverstehen.

Sie sind glücklich, sehr glücklich; wenn mein Herz nicht jetzt für alle

Empfindung todt wäre, ich wollte es Ihnen vorerzählen, vorsingen wollt' ich's

Ihnen. Das möglichste von Gessners Welten; wenigstens bild ich's mir so ein.

Und Ihre Seele hat sich sehr nach dem Glück gebildet, Sie sind zärtlich, fühlbaar,

Kennerinn des Reitzes, gut für Sie, gut für Ihre Gespielen; aber nicht so gut für

mich; und Sie müssen doch auch gut für mich seyn, wenn Sie ein ganzrechtgutes

Mädgen seyn wollen. Ich war einmal kranck, und ward wieder gesund, eben

genug, um mit Bequemlichkeit meinem letzten Willen nachdencken zu können.

Ich schlich in der Welt herum, wie ein Geist, der nach seinem Ableben

manchmal wieder an die Orte gezogen wird, die ihn sonst angezogen, da er sie

noch körperlich geniesen konnte, jämmerlich schleicht er zu seinen Schätzen,

und ich demütig zu meinem Mädgen, und zu meinen Freundinnen. Ich hoffte

bedauert zu seyn; unsre Eigenliebe muss doch was hoffen, entweder Liebe oder

Mittleiden. Betrogner Geist bleib in deiner Grube! Du magst noch so demütig,

noch so flehend im weißen Rocke flehen und jammern, wer todt ist ist Todt, wer

kranck ist, ist so gut wie todt; geh, Geist, geh, wenn sie nicht sagen sollen, du

bist ein beschwerlicher Geist. Die Geschichten, die mich auf diese Betrachtung

führten, gehören nicht hierher. Nur eine will ich Ihnen ausführlich erzählen,

wenn ich mich sie noch recht besinne. Ich kam zu einem Mädgen, ich wollte

drauf schwören, Sie wärens gewesen, die empfing mich mit grossem Jauchzen,

und wollte sich zu Todte lachen, wie ein Mensch die Carickaturidee haben

konnte, im 20sten Jahre an der Lungensucht zu sterben! Sie hat wohl recht, dacht

ich, es ist lächerlich, nur für mich so wenig, als für den Alten im Sacke, der für

Prügeln sterben möchte, über die eine ganze Versammlung fast für lachen stirbt.

[135] Wie aber alle Sachen in der Welt zwey Seiten haben; und einem ein schönes

artiges Mädgen, leicht schwarz vor weis verkaufen kann; und ich überhaupt

leicht zu bereden binn, so gefiel mir das Ding so wohl, dass ich mir einbilden

liess, es wäre alles Einbildung, und man wäre glücklich, so lang man vergnügt

wäre, und so weiter; und da erzählte sie mir wie sie auf dem Lande so vergnügt

gewesen wären, wie sie blinde Kuh gespielt, nach dem Topfe geschlagen,

geangelt, und gesungen hätten, dass mir's ward wie's einem jungen Mädgen wird

die den Grandison liesst; das ist ein feines Bissgen von einem Menschen, so

einen möcht'st du auch haben, denckt sie. Wie gern hätte ich auch mitgemacht,

und meine Kranckheit verschlimmert. Dem sey wie ihm wolle, Mamsell, es ist

nichts so schlimm, dass das Schicksaal nicht zum Guten machen könnte, Ihre

Unbarmherzigkeit in den letzten Tagen, gegen den armen Verurteilten, machte ihn starck; Glauben Sie mir, Sie sind alleine Schuld, dass ich Leipzig ohne

sonderliche Schmerzen verlassen habe. Freudigkeit der Seele, und Heroismus ist

so communicabel wie die Elecktricität, und Sie haben soviel davon, als die

Elecktrische Maschine Feuerfuncken in sich enthält. Morgen seh ich sie wieder!

ein Abschiedsgruss zu dem, den man auf die Galeeren schmieden will, ist

wahrhafftig nicht der zärtlichste. Es sey! Mich hat er starck gemacht; und doch

war ich nicht mit zufrieden. Die Grösse der Seele, ist meist unempfindlichkeit,

unter uns gesagt. Wenn ich's wohl betrachte, so handelten Sie ganz natürlich,

mein Abschied musste Ihnen gleichgültig seyn, mir war er's warrlich nicht. Ich

hätte gewiss geweint, wenn ich nicht gefurcht hatte, Ihre weissen Handschuhe zu

verderben; eine überflüssige Vorsicht, ich sah erst am Ende, dass sie gestrickt

und von Seide waren, da hätte ich immer weinen können, doch da war's zu spät.

Dass ich ein Ende mache. Ich ging aus Leipzig und Ihr Geist begleitete mich, mit

der ganzen Munterkeit seines Wesens. Ich kam hier an, und fing an

Betrachtungen zu machen, dazu ich bissher nicht Zeit gehabt hatte. Und sah

mich hier nach Freunden um, und fand keine; nach Mädgen, die waren nicht so

specificirt wie ich's liebe, und war im Jammer, und klage Ihnen das in

wunderschönen Reimen, und dencke, ob Sie den wohl dich bedauern wird, und

den unglücklichen Schwanen, durch ein Briefgen trösten wird! Da kam ein

Brieflein! Nun das ist wohl wahr, erquickt war ich; denn Sie stellen sich die

Trockenheit nicht vor, in der man hier, von Seiten einer angenehmen

Unterhaltung lechzt; aber getröst war ich nicht; Ich sah dass Sie meynten, Poesie

und Lügen wären nun Geschwister, und der Hr. Briefsteller könnte wohl ein sehr

ehrlicher Mensch, aber auch ein starcker Poete seyn, der aus Vorurteil für das

Clair obscür, offt die Farben etwas stärcker, und die Schatten etwas schwärzer

aufstriche, als es die Natur thut. Bon, Sie sollen recht haben, wo sie's haben. Nur,

das ist doch zu arg, Sachen bey mir zu supponiren, die ich doch so wenig

besitze, als den Stein der Weisen. Einen gesunden Kopf, ein gutes Herz, nun

dazu liess ich mich noch wohl bereden, zu glauben dass ich das hätte; aber

gelehrige Schülerinnen, Freunde, wie sich's gehört, darauf wart ich noch; wenn

ich sie erwischt habe, die Paradiesvögel, da will ich's Ihnen schreiben. Dass Sie

also unrecht hatten, mir ein Rezept zu verschreiben, wozu die Species in Leipzig

waren, dass mich das nothwendig kräncken musste, das sehen Sie nun wohl ein.

Es ist sehr unbillig; Sie haben mein Herz gegen den Abschied von L.

unempfindlich gemacht, Sie wollen gar haben daß ich es vergessen soll! O Sie

kennen Sich und Ihre Landsmänninnen zu wenig! Wer die Minna hat zu

Franckfurt aufführen sehen, der weiss besser was Sachsen ist. Sie haben also

unrecht! Ich wiederhole es noch einmal, ob ich gleich in dem Augenblicke nicht

weiss warum; denn ich habe so viel davon geschrieben, dass ich's drüber vergessen habe, wovon eigentlich die Rede war. Es mag nun seyn wie's will, so

war die ganze Sache eine unparteiische, uneigennützige Erinnerung, an ein

gewisses Frauenzimmer; dass zum rechten guten Herzen auch Mitleiden gehört;

dass das noch lange nicht der höchste Grad von Empfindlichkeit ist, wenn man

arme Leute und Lerchen füttert. Dass das Lachen gegen das reelle Unglück, so

wenig eine gute Cur ist, als das aus dem Sinnschlagen. Dass wir wenn wir satt

sind, eine Rede von Genügsamkeit sehr schlecht bey einem Hungrigen

anwenden, und endlich, dass der liebenswürdigste Brief, nicht das hundertste

Theil von dem Reiz der Unterredung enthält. Denn Sie hätten mir alles das, und

noch mehr, und nicht einmal so schön, vorreden dürfen, so wäre ich confundirt

gewesen, und hätte mich nie unterstanden, die geringste von diesen

impertinenten Anmerckungen zu machen. Wenn die Frauenzimmer immer

wüssten, was sie könnten, wenn sie wollten! — Es ist gut dass es ist wie's ist, ich

will zufrieden seyn, dass sie unsre Schwächen nicht ganz kennen. Nun genug

von dieser Materie, von der ich so viel geschrieben habe, weil ich nie wieder

davon zu schreiben hoffe. Möchte ich doch einem Unglückligen gedient haben,

den etwa das Schicksaal künftig in Ihre Hände übergiebt, die je niedlicher sie

sind, desto grausamer peinigen können. Ich hoffe künftig Ihnen mit keinen

Klagen, mit keinem Jammer beschwerlich zu fallen, ich hoffe das Mitleid nicht

nötig zu haben, wozu ich Sie ermahne. Trutz der Kranckheit die war, trutz der

Kranckheit die noch da ist, binn ich so vergnügt, so munter, offt so lustig dass

ich Ihnen nicht nachgäbe, und wenn Sie mich in dem Augenblicke jetzt

besuchten, da ich mich in einem Sessel, die Füsse wie eine Mumie verbunden,

vor einen Tisch gelagert habe, um an Sie zu schreiben.

Hierher gehört auch dass ich in diesem neuen Jahre, eine Farçe gemacht habe,

die ehstens, unter dem Titel: Lustspiel in Leipzig erscheinen wird. Den die

Farçen sind jetzt auf allen Parnassen contrebande, wie alles aus der Zeit Ludwigs

des Vierzehenden.

Es lebe Ihre Connexion in der Sie mit dem Schicksaale stehn, ich werde mich

auch auf den Fus mit ihm setzen; und Ihr Wahlspruch, möchte auch noch

hingehn, und gut und artig seyn, wenn er nur nicht eben vom Rhingluff, [136] oder

Gott weis wie er heisst, genommen wäre, zwanzig Dichter haben es eben so gut,

und besser gesagt, warum muss nun eben der Mensch, mit dem Barbarischen

Nahmen, die Ehre haben; Denn unter uns gesagt ich binn keiner von seinen

Freunden. Ich kenne ihn weiter nicht, aber seine Verse die ich kenne, dementiren

den ehrwürdigen Bart, und das feyerliche Ansehn das ihm Herr Geyser[137]

gegeben hat; ich will drauf schwören, in der Natur, sieht er jünger aus. Sind denn

die Gesänge schlecht? Wer wird gleich solche Gewissensfragen thun! Genug ich weis nicht was ich mit machen soll. Mamsell, Sie sollen wenn Sie's verlangen,

meine Meynungen über allerley Dinge wissen, sagen Sie mir die Ihrige, und es

wird die angenehmste, fruchtbaarste Materie, für unsern Briefwechsel seyn; aber

Erfahrung macht Misstrauen. Ich rede frey vor Ihnen, wie ich vor wenigen in

Leipzig reden würde, nur lassen Sie niemanden sehn wie ich dencke. Seitdem

Clodius freundschafftlichere Gesinnungen gegen mich blicken lässt, ist mir ein

grosser Stein vom Herzen;[138] ich habe mich steets vor Beleidigungen gehütet.

Rhingulff ist ohne Zweifel in Leipzig, vielleicht kennen Sie ihn. Ich weiss nichts,

denn ich binn ausser aller Connexion, mit allen schönen Geistern. Ich dencke so

von R. wie von allen Gesängen dieser Art. Gott sey Danck, dass wir Friede

haben, zu was das Kriegsgeschrey. Ja wenns eine Dichtungsart wäre, wo viel

Reichthum an Bildern, Sentiments oder sonst was läge. Ey gut da fischt immer!

Aber nichts, als ein ewig Gedonnere der Schlacht, die Glut die im Muth aus den

Augen blitzt, der goldne Huf mit Blut bespritzt, der Helm mit dem Federbusch,

der Speer, ein paar Duzend ungeheure Hyperbeln, ein ewiges Ha! Ah! Wenn der

Vers nicht voll werden will, und wenns lang währt, die Monotonie des

Sylbenmaases, das ist zusammen nicht auszustehn. Gleim, und Weise und

Gessner in Einem Liedgen, und was drüber ist hat man satt. Es ist ein Ding das

gar nicht interessirt, ein Gewäsche das nichts taugt als die Zeit zu verderben.

Forcirte Gemälde weil der Herr Verf. die Natur nicht gesehen hat, ewige egale

Wendungen; denn Schlacht ist Schlacht, und die Situationen die es etwa reicht

sind sehr genützt. Und was geht mich der Sieg der Teutschen an, dass ich das

Frohlocken mit anhören soll, eh! das kann ich selbst. Macht mich was

empfinden, was ich nicht gefühlt, was dencken was ich nicht gedacht habe, und

ich will euch loben. Aber Lärm und Geschrey statt dem Pathos, das thut's nicht.

Flittergold, und das ist alles. Hernach sind in R. Gemälde ländlicher Unschuld;

sie möchten gut seyn, in Arkadien angebracht zu werden; unter Deutschlands

Eichen, wurden keine Nymphen gebohren wie unter den Myrthen, im Tempe.

Und was an einem Gemälde am unerträglichsten ist, ist Unwahrheit. Ein

Mährgen hat seine Wahrheit, und muss sie haben, sonst wär es kein Mährgen.

Und wenn man nun das Sujet so chiffonirt sieht, so wird's einem bang. Da

meynen die Herren das fremde Costume sollte was thun! Wenn's Stück schlecht

ist, was sind des Ackteurs schöne Kleider! Wenn Ossian im Geiste seiner Zeit

singt, so brauche ich gerne Commentars, sein Costume zu erklären, ich kann mir

viele Mühe darum geben; nur wenn neuere Dichter sich den Kopf zerbrechen,

ihr Gedicht im alten Gusto zu machen, dass ich mir den Kopf zerbrechen soll, es

in die neue Sprache zu übersetzen, das will mir meine Laune nicht erlauben.

Gerstenbergs Skalden hätt ich lange gern gelesen, wenn nur das

Wörterverzeichniss nicht wäre. Es ist ein groser Geist, und hat aparte Prinzipia. Von seinem Ugolino soll mann gar nicht urteilen. Ich sage nur bey der

Gelegenheit: Grazie und das hohe Pathos sind heterogen; und niemand wird sie

vereinigen dass sie ein würdig Süjet einer edlen Kunst werden, da nicht einmal

das hohe Pathos ein Süjet für die Mahlerey dem Probierstein der Grazie; und die

Poesie hat gar nicht eben Ursache ihre Gränzen so auszudehnen, wie ihr Advocat

meynt.[139] Er ist ein erfahrner Sachwalter; lieber ein wenig zu viel als zu wenig;

ist seine Art zu dencken. Ich kann, ich darf mich nicht weiter erklären, Sie

werden mich schon verstehen; Wenn man anders als grosse Geister denckt, so ist

es gemeiniglich das Zeichen eines kleinen Geists. Ich mag nicht gerne, eins und

das andre seyn. Ein grosser Geist irrt sich so gut wie ein kleiner, jener weil er

keine Schrancken kennt, und dieser weil er seinen Horizont, für die Welt nimmt.

O, meine Freundinn, das Licht ist die Wahrheit, doch die Sonne ist nicht die

Wahrheit, von der doch das Licht quillt. Die Nacht ist Unwahrheit. Und was ist

Schönheit? Sie ist nicht Licht und nicht Nacht. Dämmerung; eine Gebuhrt von

Wahrheit und Unwahrheit. Ein Mittelding. In ihrem Reiche liegt ein Scheideweg

so zweydeutig, so schielend, ein Herkules unter den Philosophen könnte sich

vergreiffen. Ich will abbrechen; wenn ich in diese Materie komme, da werd' ich

zu ausschweifend, und doch ist sie meine Lieblings Materie. Wie möchte ich ein

Paar hübsche Abende, bei Ihrem lieben Vater seyn; ich hätte ihm gar so viel zu

sagen. Meine Gegenwärtige Lebensart ist der Philosophie gewiedmet.

Eingesperrt, allein, Circkel Papier, Feder und Dinte, und zwey Bücher, mein

ganzes Rüstzeug. Und auf diesem einfachen Weege, komme ich in Erkenntniss

der Wahrheit, offt so weit, und weiter, als andre mit ihrer

Bibliothekarwissenschafft. Ein groser Gelehrter, ist selten ein grosser Philosoph,

und wer mit Mühe viel Bücher durchblättert hat, verachtet das leichte einfältige

Buch der Natur; und es ist doch nichts wahr als was einfältig ist; freylich eine

schlechte Recommendation für die wahre Weisheit. Wer den einfältigen Weeg

geht, der geh ihn, und schweige still, Demuth und Bedächtlichkeit, sind die

nothwendigsten Eigenschafften unsrer Schritte darauf, deren jeder endlich

belohnt wird. Ich dancke es Ihrem lieben Vater; Er hat meine Seele zuerst zu

dieser Form bereitet, die Zeit wird meinen Fleis seegnen, dass er ausführen kann

was angefangen ist.

 

So ist's mit mir, wenn ich ins schwätzen komme, so verlier ich mich, wie Sie;

nur dass ich mir nicht so bald helfen kann. Wenn ich sagte, ich habe viel

geschwätzt, so passte das eher hierher, als es zu Ihrem Brief passte. Er war ein

wenig kurz.

 

Lassen Sie sich durch mich zum Schreiben aufmuntern! Sie wissen nicht, wie viel Sie für mich thun, wenn Sie für mich, sich nur einige Zeit beschäfftigen.

Und nur des seltsamen wegen, sollten Sie den Briefwechsel ins Reich

unterhalten.

Noch einige Kleinigkeiten eh ich schliesse. Meine Lieder, davon ein Teil das

Unglück gehabt hat, Ihnen zu missfallen, werden mit Melodien auf Ostern

gedruckt, ich würde mich vielleicht unterstanden haben, Ihnen ein

unterschriebnes Exemplar zu wiedmen, wenn ich nicht wüsste, dass man Sie

durch einige Kleinigkeiten, leicht zum schimpfen bewegen könnte, wie Sie

selbst zu Anfange Ihres Briefs sagen; den ich wohl glaube verstanden zu haben.

Es ist mein Unglück dass ich so leichtsinnig binn, und alles von der guten Seite

ansehe. Dass Sie meine Lieder von der bösen angesehen haben; Ist das meine

Schuld. Werfen Sie sie ins Feuer, und sehen Sie die gedruckten gar nicht an; nur

bleiben Sie mir gewogen. Unter uns, ich bin einer von den gedultigen Poeten,

gefällt euch das Gedicht nicht, so machen wir ein anders.

Von Wielanden [140] möchte ich gar zu gerne was noch schreiben, fürchtet ich

nicht die Weitläuffigkeit. Es giebt Materie zu einem andern Brief genug. Sie

haben mir ia auch noch viel zu sagen, sagen Sie in Ihrem letzten Brief; (der der

erste war) ey, nehmen Sie sich nur alle acht Tage eine Stunde, einen Monat will

ich gerne warten, und da hoff' ich, wird ein freundschafftlich Packetgen mich

trösten. Unter andern würden Sie mir eine sonderbaare Gefälligkeit erweisen,

wenn Sie mir von den neusten, artigen und guten Schriften Nachricht gäben; hier

erfährt mann's immer erst ein Vierteljahr nach der Messe. Ob ich gleich fast ganz

auf die neue Literatur jetzo renuncirt habe, und keine Verse mehr, ausser wenn

mich ein Räuschgen ermuntert, fliessen wollen, so mag ich doch den

Neologismus nicht ganz auf einmal verlassen. Es hängt einem immer noch an,

das Skarteckgenlesen, das in Leipzig offt für Gelehrsamkeit passirt.

Wie gern käm ich auf Ostern zu Ihnen, wenn ich könnte; wissen Sie was,

kommen Sie zu mir, oder schicken Sie mir den Papa. Wir haben Plaz für Sie alle

wenn Sie kommen wollen. Es ist mein ganzer Ernst. Fragen Sie nur den Meister

Junge,[141] der wird Ihnen sagen dass das wahr ist. Und unser Tisch lässt sich so

gut anstossen, wenn Gäste kommen, wie der Ihrige. Sie werden freylich diese

Invitation nicht annehmen, die sächsischen Mädgen sind etwas delicat. Gut,

zwingen will ich Sie nicht. Aber wenn Sie mich böse machen, so komm ich

selbst, und invitire Sie in eigner Person. Wollen Sie es hernach auch nicht

annehmen?

 

Franckfurt,

am 13. Febr.

1769.

Ich binn

Ihr ergebenster Freund

und Diener

Goethe.