Goethes Briefe an Leipziger Freunde
Kapitel II
Mademoiselle,
Sie ist lang ausgeblieben, die Antwort! soll ich Sie wohl um Vergebung
bitten? Nein gewiss, wenn ich das dürfte; Wenn ich sagen dürffte: Mamsell,
verzeihen Sie, ich hatte viel, viel Geschäffte, daran sich Herckules den Arm aus
der Pfanne hätte heben mögen, ich konnte ohnmöglich, die Tage waren kurz,
mein Gehirn, wegen der Einstrahlung des Steinbocks und Wassermanns, etwas
kalt und feucht, und noch die ganze Reihe von alletags Entschuldigungen, um
nicht auf sich kommen zu lassen, man sey faul, dazugerechnet; Sehen Sie, wenn
ich in Umständen wäre, so was zu sagen, ich schrieb lieber in meinem Leben
nicht. O Mamsell, es war eine impertinente Composition von Laune meiner
Natur, die mich vier Wochen, an den Bettfus, und vier Wochen, an den Sessel
anschraubte, dass ich eben so gerne die Zeit über, hätte in einen gespaltenen
Baum wollen eingezaubert seyn. Und doch sind sie herum, und ich habe das
Capitel von Genügsamkeit, Geduld, und was übrigens für Materien ins Buch des
Schicksaals gehören, wohl und gründlich studiert, binn auch dabey etwas kluger
geworden; Sie werden mir also verzeihen wenn dieser Brief, mehr ein
Commentar zu dem Ihrigen, als eine Antwort darauf wird; denn so viel Freude
ich über das Blätgen gehabt habe, so viel habe ich auch dawider einzuwenden,
und — Honneur aux Dames — aber wahrhafftig, Sie haben unrecht.
Wir müssen uns besser verstehn, eh wir uns weiter herauslassen.
Vorausgesetzt, dass ich nicht mit Ihnen zufrieden binn! Und nun will ich
anfangen, von Anfang biss zu Ende, ordentlich wie ein Cronickenschreiber; der
Brief wird so lang werden, wie die Glosse eines Dompfaffen, über einen kleinen,
leichten Text.
Sie wissens von Alters her, — wenigstens ist es meine Schuld nicht, wenn Sie
es nicht wissen — Sie wissen, daß ich Sie für ein sehr gutes Mädgen halte, die
schon, wenn Ihr dran gelegen wäre, einen ehrlichen Menschen mit dem
weiblichen Geschlecht wieder versöhnen könnte, und wenn er aufgebracht wäre
wie Wieland. Wenn ich mich irre; so ist das wieder meine Schuld nicht. Zwey
Jahre beynahe, binn ich in Ihrem Hause herumgegangen, und ich habe Sie fast so
selten gesehen, als ein Nachtforschender Magus einen Alraun pfeifen hört.
Von dem also zu reden was ich gesehen habe — die Kirche urtheilt nicht übers
Verborgne, sagte Paris — So versichre ich Sie, dass ich davon bezaubert binn;
aber wahrhafftig die ‘Philosophen’ von meiner Art, haben meist Ulysses
Kräuterbüschel, unter den andern Galanterien, in einem Sachet bey sich, dass
Ihnen die stärckste Bezauberung nicht mehr schadet als ein starcker Rausch, Kopfweh den andern Morgen, aber die Augen sind doch wieder helle. Dieses
wohl begriffen, damit wir uns nicht missverstehen.
Sie sind glücklich, sehr glücklich; wenn mein Herz nicht jetzt für alle
Empfindung todt wäre, ich wollte es Ihnen vorerzählen, vorsingen wollt' ich's
Ihnen. Das möglichste von Gessners Welten; wenigstens bild ich's mir so ein.
Und Ihre Seele hat sich sehr nach dem Glück gebildet, Sie sind zärtlich, fühlbaar,
Kennerinn des Reitzes, gut für Sie, gut für Ihre Gespielen; aber nicht so gut für
mich; und Sie müssen doch auch gut für mich seyn, wenn Sie ein ganzrechtgutes
Mädgen seyn wollen. Ich war einmal kranck, und ward wieder gesund, eben
genug, um mit Bequemlichkeit meinem letzten Willen nachdencken zu können.
Ich schlich in der Welt herum, wie ein Geist, der nach seinem Ableben
manchmal wieder an die Orte gezogen wird, die ihn sonst angezogen, da er sie
noch körperlich geniesen konnte, jämmerlich schleicht er zu seinen Schätzen,
und ich demütig zu meinem Mädgen, und zu meinen Freundinnen. Ich hoffte
bedauert zu seyn; unsre Eigenliebe muss doch was hoffen, entweder Liebe oder
Mittleiden. Betrogner Geist bleib in deiner Grube! Du magst noch so demütig,
noch so flehend im weißen Rocke flehen und jammern, wer todt ist ist Todt, wer
kranck ist, ist so gut wie todt; geh, Geist, geh, wenn sie nicht sagen sollen, du
bist ein beschwerlicher Geist. Die Geschichten, die mich auf diese Betrachtung
führten, gehören nicht hierher. Nur eine will ich Ihnen ausführlich erzählen,
wenn ich mich sie noch recht besinne. Ich kam zu einem Mädgen, ich wollte
drauf schwören, Sie wärens gewesen, die empfing mich mit grossem Jauchzen,
und wollte sich zu Todte lachen, wie ein Mensch die Carickaturidee haben
konnte, im 20sten Jahre an der Lungensucht zu sterben! Sie hat wohl recht, dacht
ich, es ist lächerlich, nur für mich so wenig, als für den Alten im Sacke, der für
Prügeln sterben möchte, über die eine ganze Versammlung fast für lachen stirbt.
[135] Wie aber alle Sachen in der Welt zwey Seiten haben; und einem ein schönes
artiges Mädgen, leicht schwarz vor weis verkaufen kann; und ich überhaupt
leicht zu bereden binn, so gefiel mir das Ding so wohl, dass ich mir einbilden
liess, es wäre alles Einbildung, und man wäre glücklich, so lang man vergnügt
wäre, und so weiter; und da erzählte sie mir wie sie auf dem Lande so vergnügt
gewesen wären, wie sie blinde Kuh gespielt, nach dem Topfe geschlagen,
geangelt, und gesungen hätten, dass mir's ward wie's einem jungen Mädgen wird
die den Grandison liesst; das ist ein feines Bissgen von einem Menschen, so
einen möcht'st du auch haben, denckt sie. Wie gern hätte ich auch mitgemacht,
und meine Kranckheit verschlimmert. Dem sey wie ihm wolle, Mamsell, es ist
nichts so schlimm, dass das Schicksaal nicht zum Guten machen könnte, Ihre
Unbarmherzigkeit in den letzten Tagen, gegen den armen Verurteilten, machte ihn starck; Glauben Sie mir, Sie sind alleine Schuld, dass ich Leipzig ohne
sonderliche Schmerzen verlassen habe. Freudigkeit der Seele, und Heroismus ist
so communicabel wie die Elecktricität, und Sie haben soviel davon, als die
Elecktrische Maschine Feuerfuncken in sich enthält. Morgen seh ich sie wieder!
ein Abschiedsgruss zu dem, den man auf die Galeeren schmieden will, ist
wahrhafftig nicht der zärtlichste. Es sey! Mich hat er starck gemacht; und doch
war ich nicht mit zufrieden. Die Grösse der Seele, ist meist unempfindlichkeit,
unter uns gesagt. Wenn ich's wohl betrachte, so handelten Sie ganz natürlich,
mein Abschied musste Ihnen gleichgültig seyn, mir war er's warrlich nicht. Ich
hätte gewiss geweint, wenn ich nicht gefurcht hatte, Ihre weissen Handschuhe zu
verderben; eine überflüssige Vorsicht, ich sah erst am Ende, dass sie gestrickt
und von Seide waren, da hätte ich immer weinen können, doch da war's zu spät.
Dass ich ein Ende mache. Ich ging aus Leipzig und Ihr Geist begleitete mich, mit
der ganzen Munterkeit seines Wesens. Ich kam hier an, und fing an
Betrachtungen zu machen, dazu ich bissher nicht Zeit gehabt hatte. Und sah
mich hier nach Freunden um, und fand keine; nach Mädgen, die waren nicht so
specificirt wie ich's liebe, und war im Jammer, und klage Ihnen das in
wunderschönen Reimen, und dencke, ob Sie den wohl dich bedauern wird, und
den unglücklichen Schwanen, durch ein Briefgen trösten wird! Da kam ein
Brieflein! Nun das ist wohl wahr, erquickt war ich; denn Sie stellen sich die
Trockenheit nicht vor, in der man hier, von Seiten einer angenehmen
Unterhaltung lechzt; aber getröst war ich nicht; Ich sah dass Sie meynten, Poesie
und Lügen wären nun Geschwister, und der Hr. Briefsteller könnte wohl ein sehr
ehrlicher Mensch, aber auch ein starcker Poete seyn, der aus Vorurteil für das
Clair obscür, offt die Farben etwas stärcker, und die Schatten etwas schwärzer
aufstriche, als es die Natur thut. Bon, Sie sollen recht haben, wo sie's haben. Nur,
das ist doch zu arg, Sachen bey mir zu supponiren, die ich doch so wenig
besitze, als den Stein der Weisen. Einen gesunden Kopf, ein gutes Herz, nun
dazu liess ich mich noch wohl bereden, zu glauben dass ich das hätte; aber
gelehrige Schülerinnen, Freunde, wie sich's gehört, darauf wart ich noch; wenn
ich sie erwischt habe, die Paradiesvögel, da will ich's Ihnen schreiben. Dass Sie
also unrecht hatten, mir ein Rezept zu verschreiben, wozu die Species in Leipzig
waren, dass mich das nothwendig kräncken musste, das sehen Sie nun wohl ein.
Es ist sehr unbillig; Sie haben mein Herz gegen den Abschied von L.
unempfindlich gemacht, Sie wollen gar haben daß ich es vergessen soll! O Sie
kennen Sich und Ihre Landsmänninnen zu wenig! Wer die Minna hat zu
Franckfurt aufführen sehen, der weiss besser was Sachsen ist. Sie haben also
unrecht! Ich wiederhole es noch einmal, ob ich gleich in dem Augenblicke nicht
weiss warum; denn ich habe so viel davon geschrieben, dass ich's drüber vergessen habe, wovon eigentlich die Rede war. Es mag nun seyn wie's will, so
war die ganze Sache eine unparteiische, uneigennützige Erinnerung, an ein
gewisses Frauenzimmer; dass zum rechten guten Herzen auch Mitleiden gehört;
dass das noch lange nicht der höchste Grad von Empfindlichkeit ist, wenn man
arme Leute und Lerchen füttert. Dass das Lachen gegen das reelle Unglück, so
wenig eine gute Cur ist, als das aus dem Sinnschlagen. Dass wir wenn wir satt
sind, eine Rede von Genügsamkeit sehr schlecht bey einem Hungrigen
anwenden, und endlich, dass der liebenswürdigste Brief, nicht das hundertste
Theil von dem Reiz der Unterredung enthält. Denn Sie hätten mir alles das, und
noch mehr, und nicht einmal so schön, vorreden dürfen, so wäre ich confundirt
gewesen, und hätte mich nie unterstanden, die geringste von diesen
impertinenten Anmerckungen zu machen. Wenn die Frauenzimmer immer
wüssten, was sie könnten, wenn sie wollten! — Es ist gut dass es ist wie's ist, ich
will zufrieden seyn, dass sie unsre Schwächen nicht ganz kennen. Nun genug
von dieser Materie, von der ich so viel geschrieben habe, weil ich nie wieder
davon zu schreiben hoffe. Möchte ich doch einem Unglückligen gedient haben,
den etwa das Schicksaal künftig in Ihre Hände übergiebt, die je niedlicher sie
sind, desto grausamer peinigen können. Ich hoffe künftig Ihnen mit keinen
Klagen, mit keinem Jammer beschwerlich zu fallen, ich hoffe das Mitleid nicht
nötig zu haben, wozu ich Sie ermahne. Trutz der Kranckheit die war, trutz der
Kranckheit die noch da ist, binn ich so vergnügt, so munter, offt so lustig dass
ich Ihnen nicht nachgäbe, und wenn Sie mich in dem Augenblicke jetzt
besuchten, da ich mich in einem Sessel, die Füsse wie eine Mumie verbunden,
vor einen Tisch gelagert habe, um an Sie zu schreiben.
Hierher gehört auch dass ich in diesem neuen Jahre, eine Farçe gemacht habe,
die ehstens, unter dem Titel: Lustspiel in Leipzig erscheinen wird. Den die
Farçen sind jetzt auf allen Parnassen contrebande, wie alles aus der Zeit Ludwigs
des Vierzehenden.
Es lebe Ihre Connexion in der Sie mit dem Schicksaale stehn, ich werde mich
auch auf den Fus mit ihm setzen; und Ihr Wahlspruch, möchte auch noch
hingehn, und gut und artig seyn, wenn er nur nicht eben vom Rhingluff, [136] oder
Gott weis wie er heisst, genommen wäre, zwanzig Dichter haben es eben so gut,
und besser gesagt, warum muss nun eben der Mensch, mit dem Barbarischen
Nahmen, die Ehre haben; Denn unter uns gesagt ich binn keiner von seinen
Freunden. Ich kenne ihn weiter nicht, aber seine Verse die ich kenne, dementiren
den ehrwürdigen Bart, und das feyerliche Ansehn das ihm Herr Geyser[137]
gegeben hat; ich will drauf schwören, in der Natur, sieht er jünger aus. Sind denn
die Gesänge schlecht? Wer wird gleich solche Gewissensfragen thun! Genug ich weis nicht was ich mit machen soll. Mamsell, Sie sollen wenn Sie's verlangen,
meine Meynungen über allerley Dinge wissen, sagen Sie mir die Ihrige, und es
wird die angenehmste, fruchtbaarste Materie, für unsern Briefwechsel seyn; aber
Erfahrung macht Misstrauen. Ich rede frey vor Ihnen, wie ich vor wenigen in
Leipzig reden würde, nur lassen Sie niemanden sehn wie ich dencke. Seitdem
Clodius freundschafftlichere Gesinnungen gegen mich blicken lässt, ist mir ein
grosser Stein vom Herzen;[138] ich habe mich steets vor Beleidigungen gehütet.
Rhingulff ist ohne Zweifel in Leipzig, vielleicht kennen Sie ihn. Ich weiss nichts,
denn ich binn ausser aller Connexion, mit allen schönen Geistern. Ich dencke so
von R. wie von allen Gesängen dieser Art. Gott sey Danck, dass wir Friede
haben, zu was das Kriegsgeschrey. Ja wenns eine Dichtungsart wäre, wo viel
Reichthum an Bildern, Sentiments oder sonst was läge. Ey gut da fischt immer!
Aber nichts, als ein ewig Gedonnere der Schlacht, die Glut die im Muth aus den
Augen blitzt, der goldne Huf mit Blut bespritzt, der Helm mit dem Federbusch,
der Speer, ein paar Duzend ungeheure Hyperbeln, ein ewiges Ha! Ah! Wenn der
Vers nicht voll werden will, und wenns lang währt, die Monotonie des
Sylbenmaases, das ist zusammen nicht auszustehn. Gleim, und Weise und
Gessner in Einem Liedgen, und was drüber ist hat man satt. Es ist ein Ding das
gar nicht interessirt, ein Gewäsche das nichts taugt als die Zeit zu verderben.
Forcirte Gemälde weil der Herr Verf. die Natur nicht gesehen hat, ewige egale
Wendungen; denn Schlacht ist Schlacht, und die Situationen die es etwa reicht
sind sehr genützt. Und was geht mich der Sieg der Teutschen an, dass ich das
Frohlocken mit anhören soll, eh! das kann ich selbst. Macht mich was
empfinden, was ich nicht gefühlt, was dencken was ich nicht gedacht habe, und
ich will euch loben. Aber Lärm und Geschrey statt dem Pathos, das thut's nicht.
Flittergold, und das ist alles. Hernach sind in R. Gemälde ländlicher Unschuld;
sie möchten gut seyn, in Arkadien angebracht zu werden; unter Deutschlands
Eichen, wurden keine Nymphen gebohren wie unter den Myrthen, im Tempe.
Und was an einem Gemälde am unerträglichsten ist, ist Unwahrheit. Ein
Mährgen hat seine Wahrheit, und muss sie haben, sonst wär es kein Mährgen.
Und wenn man nun das Sujet so chiffonirt sieht, so wird's einem bang. Da
meynen die Herren das fremde Costume sollte was thun! Wenn's Stück schlecht
ist, was sind des Ackteurs schöne Kleider! Wenn Ossian im Geiste seiner Zeit
singt, so brauche ich gerne Commentars, sein Costume zu erklären, ich kann mir
viele Mühe darum geben; nur wenn neuere Dichter sich den Kopf zerbrechen,
ihr Gedicht im alten Gusto zu machen, dass ich mir den Kopf zerbrechen soll, es
in die neue Sprache zu übersetzen, das will mir meine Laune nicht erlauben.
Gerstenbergs Skalden hätt ich lange gern gelesen, wenn nur das
Wörterverzeichniss nicht wäre. Es ist ein groser Geist, und hat aparte Prinzipia. Von seinem Ugolino soll mann gar nicht urteilen. Ich sage nur bey der
Gelegenheit: Grazie und das hohe Pathos sind heterogen; und niemand wird sie
vereinigen dass sie ein würdig Süjet einer edlen Kunst werden, da nicht einmal
das hohe Pathos ein Süjet für die Mahlerey dem Probierstein der Grazie; und die
Poesie hat gar nicht eben Ursache ihre Gränzen so auszudehnen, wie ihr Advocat
meynt.[139] Er ist ein erfahrner Sachwalter; lieber ein wenig zu viel als zu wenig;
ist seine Art zu dencken. Ich kann, ich darf mich nicht weiter erklären, Sie
werden mich schon verstehen; Wenn man anders als grosse Geister denckt, so ist
es gemeiniglich das Zeichen eines kleinen Geists. Ich mag nicht gerne, eins und
das andre seyn. Ein grosser Geist irrt sich so gut wie ein kleiner, jener weil er
keine Schrancken kennt, und dieser weil er seinen Horizont, für die Welt nimmt.
O, meine Freundinn, das Licht ist die Wahrheit, doch die Sonne ist nicht die
Wahrheit, von der doch das Licht quillt. Die Nacht ist Unwahrheit. Und was ist
Schönheit? Sie ist nicht Licht und nicht Nacht. Dämmerung; eine Gebuhrt von
Wahrheit und Unwahrheit. Ein Mittelding. In ihrem Reiche liegt ein Scheideweg
so zweydeutig, so schielend, ein Herkules unter den Philosophen könnte sich
vergreiffen. Ich will abbrechen; wenn ich in diese Materie komme, da werd' ich
zu ausschweifend, und doch ist sie meine Lieblings Materie. Wie möchte ich ein
Paar hübsche Abende, bei Ihrem lieben Vater seyn; ich hätte ihm gar so viel zu
sagen. Meine Gegenwärtige Lebensart ist der Philosophie gewiedmet.
Eingesperrt, allein, Circkel Papier, Feder und Dinte, und zwey Bücher, mein
ganzes Rüstzeug. Und auf diesem einfachen Weege, komme ich in Erkenntniss
der Wahrheit, offt so weit, und weiter, als andre mit ihrer
Bibliothekarwissenschafft. Ein groser Gelehrter, ist selten ein grosser Philosoph,
und wer mit Mühe viel Bücher durchblättert hat, verachtet das leichte einfältige
Buch der Natur; und es ist doch nichts wahr als was einfältig ist; freylich eine
schlechte Recommendation für die wahre Weisheit. Wer den einfältigen Weeg
geht, der geh ihn, und schweige still, Demuth und Bedächtlichkeit, sind die
nothwendigsten Eigenschafften unsrer Schritte darauf, deren jeder endlich
belohnt wird. Ich dancke es Ihrem lieben Vater; Er hat meine Seele zuerst zu
dieser Form bereitet, die Zeit wird meinen Fleis seegnen, dass er ausführen kann
was angefangen ist.
So ist's mit mir, wenn ich ins schwätzen komme, so verlier ich mich, wie Sie;
nur dass ich mir nicht so bald helfen kann. Wenn ich sagte, ich habe viel
geschwätzt, so passte das eher hierher, als es zu Ihrem Brief passte. Er war ein
wenig kurz.
Lassen Sie sich durch mich zum Schreiben aufmuntern! Sie wissen nicht, wie viel Sie für mich thun, wenn Sie für mich, sich nur einige Zeit beschäfftigen.
Und nur des seltsamen wegen, sollten Sie den Briefwechsel ins Reich
unterhalten.
Noch einige Kleinigkeiten eh ich schliesse. Meine Lieder, davon ein Teil das
Unglück gehabt hat, Ihnen zu missfallen, werden mit Melodien auf Ostern
gedruckt, ich würde mich vielleicht unterstanden haben, Ihnen ein
unterschriebnes Exemplar zu wiedmen, wenn ich nicht wüsste, dass man Sie
durch einige Kleinigkeiten, leicht zum schimpfen bewegen könnte, wie Sie
selbst zu Anfange Ihres Briefs sagen; den ich wohl glaube verstanden zu haben.
Es ist mein Unglück dass ich so leichtsinnig binn, und alles von der guten Seite
ansehe. Dass Sie meine Lieder von der bösen angesehen haben; Ist das meine
Schuld. Werfen Sie sie ins Feuer, und sehen Sie die gedruckten gar nicht an; nur
bleiben Sie mir gewogen. Unter uns, ich bin einer von den gedultigen Poeten,
gefällt euch das Gedicht nicht, so machen wir ein anders.
Von Wielanden [140] möchte ich gar zu gerne was noch schreiben, fürchtet ich
nicht die Weitläuffigkeit. Es giebt Materie zu einem andern Brief genug. Sie
haben mir ia auch noch viel zu sagen, sagen Sie in Ihrem letzten Brief; (der der
erste war) ey, nehmen Sie sich nur alle acht Tage eine Stunde, einen Monat will
ich gerne warten, und da hoff' ich, wird ein freundschafftlich Packetgen mich
trösten. Unter andern würden Sie mir eine sonderbaare Gefälligkeit erweisen,
wenn Sie mir von den neusten, artigen und guten Schriften Nachricht gäben; hier
erfährt mann's immer erst ein Vierteljahr nach der Messe. Ob ich gleich fast ganz
auf die neue Literatur jetzo renuncirt habe, und keine Verse mehr, ausser wenn
mich ein Räuschgen ermuntert, fliessen wollen, so mag ich doch den
Neologismus nicht ganz auf einmal verlassen. Es hängt einem immer noch an,
das Skarteckgenlesen, das in Leipzig offt für Gelehrsamkeit passirt.
Wie gern käm ich auf Ostern zu Ihnen, wenn ich könnte; wissen Sie was,
kommen Sie zu mir, oder schicken Sie mir den Papa. Wir haben Plaz für Sie alle
wenn Sie kommen wollen. Es ist mein ganzer Ernst. Fragen Sie nur den Meister
Junge,[141] der wird Ihnen sagen dass das wahr ist. Und unser Tisch lässt sich so
gut anstossen, wenn Gäste kommen, wie der Ihrige. Sie werden freylich diese
Invitation nicht annehmen, die sächsischen Mädgen sind etwas delicat. Gut,
zwingen will ich Sie nicht. Aber wenn Sie mich böse machen, so komm ich
selbst, und invitire Sie in eigner Person. Wollen Sie es hernach auch nicht
annehmen?
Franckfurt,
am 13. Febr.
1769.
Ich binn
Ihr ergebenster Freund
und Diener
Goethe.