Goethes Briefe an Leipziger Freunde

Johann Wolfgang von Goethe · Kapitel 2 von 106

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Goethes Briefe an Leipziger Freunde

Goethes Briefe an Joh. Jac. Riese.

Goethes Briefe

an

 

Joh. Jac. Riese.

 

I.[35]

 

Leipzig 20. Oktober 1765.

Morgends um 6.

Riese, guten Tag!

den 21. Abends um 5.

Riese, guten Abend!

Gestern hatte ich mich kaum hingesetzt um euch eine Stunde zu widmen, Als

schnell ein Brief von Horn kam und mich von meinem angefangnen Blate

hinweg riß. Heute werde ich auch nicht länger bey euch bleiben. Ich geh in die

Commoedie. Wir haben sie recht schön hier. Aber dennoch! Ich binn unschlüßig!

Soll ich bey euch bleiben? Soll ich in die Commödie gehn? — Ich weiß nicht!

Geschwind! Ich will würfeln. Ja ich habe keine Würfel! — Ich gehe! Lebt wohl!

—

Doch halte! nein! ich will da bleiben. Morgen kann ich wieder nicht da muß

ich ins Colleg, und Besuchen und Abends zu Gaste. Da will ich also jetzt

schreiben. Meldet mir was ihr für ein Leben lebt? Ob ihr manchmahl an mich

denkt. Was ihr für Professor habt. & cetera und zwar ein langes & cetera. Ich

lebe hier, wie — wie — ich weiß selbst nicht recht wie. Doch so ohngefähr

So wie ein Vogel, der auf einem Ast

Im schönsten Wald, sich, Freiheit athmend wiegt.

Der ungestört die sanfte Luft genießt.

Mit seinen Fittichen von Baum zu Baum

von Bußch zu Bußch sich singend hinzuschwingen.

Genug stellt euch ein Vögelein, auf einem grünen Ästelein in allen seinen

Freuden für, so leb ich. Heut hab ich angefangen Collegia zu hören.

Was für? — Ist es der Mühe wehrt zu fragen? Institutiones imperiales.

Historiam iuris. Pandectas und ein privatissimum über die 7 ersten und 7 letzten

Titel des Codicis. Denn mehr braucht man nicht, das übrige vergißt sich doch.

Nein gehorsamer Diener! das ließen wir schön unterwege. — Im Ernste ich habe

heute zwei Collegen gehört, die Staatengeschichte bey Professor Böhmer, und

bei Ernesti über Cicerons Gespräche vom Redner. Nicht wahr das ging an. Die

andre Woche geht Collegium philosophicum et mathematicum an. —

Gottscheden hab ich noch nicht gesehen. Er hat wieder geheurathet. Eine Jfr.

Obristleutnantin. Ihr wißt es doch. Sie ist 19 und er 65 Jahr. Sie ist 4 Schue groß

und er 7. Sie ist mager wie ein Häring und er dick wie ein Federsack. — Ich

mache hier große Figur! — Aber noch zur Zeit bin ich kein Stutzer. Ich werd es

auch nicht. — Ich brauche Kunst um fleißig zu sein. In Gesellschaften, Concert,

Comoedie, bei Gastereyen, Abendessen, Spazierfahrten so viel es um diese Zeit

angeht. Ha! das geht köstlich. Aber auch köstlich, kostspielig. Zum Henker das

fühlt mein Beutel. Halt! rettet! haltet auf! Siehst du sie nicht mehr fliegen? Da

marschierten 2 Louisdor. Helft! da ging eine. Himmel! schon wieder ein paar.

Groschen die sind hier, wie Kreuzer bei euch draußen im Reiche. — Aber

dennoch kann hier einer sehr wohlfeil leben. Die Messe ist herum. Und ich

werde recht menageus leben. Da hoffe ich des Jahrs mit 300 Rthr. was sage ich

mit 200 Rthr. auszukommen. NB. das nicht mitgerechnet, was schon zum

Henker ist. Ich habe kostbaaren Tißch. Merkt einmahl unser Küchenzettel.

Hüner, Gänße, Truthahnen, Endten, Rebhüner, Schnepfen, Feldhüner, Forellen,

Haßen, Wildpret, Hechte, Fasanen, Austern u. s. w. Das erscheinet Taglich.

Nichts von anderm groben Fleisch ut sunt Rind, Kälber, Hamel u. s. w. das weiß

ich nicht mehr wie es schmeckt. Und die Herrlichkeiten nicht teuer, gar nicht

teuer. — Ich sehe, daß mein Blat bald voll ist und es stehen noch keine Verse

darauf, ich habe deren machen wollen. Auf ein andermahl. Sagt Kehren daß ich

ihm schreiben werde. Ich höre von Horn, daß ihr euch ob absentiam puellarum

forma elegantium beklagt. Laßt euch von ihm das Urteil sagen daß ich über euch

fällete.

 

Goethe.

 

[35] Joh. Jac. Riese war ein Jugendfreund Goethes und studirte in Marburg, während

Goethe in Leipzig war. Bei seinem späteren Aufenthalt in Frankfurt verkehrte er wiederum lebhaft mit Riese (Werke XXII. S. 68 f.). Ein Portrait desselben in Lebensgröße in schwarzer Kreide von Goethe ausgeführt befindet sich noch im Besitze seines Neffen, Herrn J. Riese in Frankfurt; die Goetheschen Briefe sind leider alle bis auf diese Studentenbriefe vernichtet,