Goethes Briefe an Leipziger Freunde
Ia.
[41] Diese Briefe sind im Besitz der Frau Präsidentin Sickel geb. Kanne in Leipzig, der
Enkelin Schönkopfs und Tochter Käthchens, welche mir gestattet hat, dieselben bekannt zu machen. Auch hat sie mir eine Anzahl von Briefen Horns an die Schönkopfsche Familie anvertraut, aus welchen ich manche erläuternde Notizen ausgezogen habe. Derselben verehrten Frau verdanke ich die Mittheilung interessanter Erinnerungen an die Jugendzeit ihrer Mutter, welche ich dankbar benutzt habe.
[42] Goethe hatte ihr den scherzhaften Brief (Ia) zugeschickt.
Ia.
Mademoiselle,
Hr. Goethe dem bekanndt ist, daß Scheere, Messer, und Pantoffeln, diejenigen
Mobielien sind die am meisten bey Ihnen auszustehen haben, schicket Ihnen
hiermit, eine mittelmäsige Scheere, ein gutes Messer, und Leder zu zwey Paar
Pantoffeln. Sie sind alle von gutem Stoffe, dauerhafft, und mein Herr hat ihnen
noch überdieß die möglichste Geduld anbefohlen, doch aber glaubt ich nicht daß
Klingen und Leder so lange bey Ihnen aushalten werden als Er. Nehmen Sie
mir's nicht übel, ich sage wie ich's denke, drittehalbjahre das können Sie weder
von einem Pantoffel noch von einem Messer, noch von — das lass ich
dahingestellt seyn — Verlangen, denn grausam gehen Sie mit allem um was sich
unter Ihre Herrschafft begiebt oder begeben muß. Zerreisen und zerbrechen sie
alles, biß Ostern, da steht Ihnen neue Waare zu Diensten, und erinnern Sie Sich
manchmal bey diesen Kleinigkeiten, daß mein Herr noch beständig wie sonst
Ihnen ergeben ist. Selbst hat er nicht an Sie schreiben wollen, um sein Gelübte,
nie vor dem ersten eines Monats Ihnen einen Brief zu schicken, nicht zu
brechen. Mittlerweile, das ist, zwischen heut und dem ersten October, empfielt er
sich durch mich ganz ergebenst, und ich nehme diese Gelegenheit, mich Ihnen
Gleichfalls zu empfelen.
Michel, sonst Herzog genannt, nach
Verlust seines Herzogtums aber,
wohlbestellter Pachter auf des gnädigen
Herren hochadelichen Rittergütern.[43]
[43] Mit Beziehung auf die S. 32 erwähnte Aufführung des Lustspiels von Krüger, in
welchem ein Knecht Michel, der eine Nachtigall gefangen und von dem hohen Preise derselben gehört hat, mit dem Ertrage immer mehr zu gewinnen und zuletzt ein Herzogthum