Goethes Briefe an Leipziger Freunde
Kapitel III
[108] In Wielands Don Sylvio von Rosalva. Th. VI. S. 215 f.
[109] Vgl. Goethes Werke XX. S. 29. 103. ff. 131 ff.
[110] In der Neuen Bibliothek der schönen Wissensch. findet sich nur eine kurze Notiz
über Seekatz, die nicht von Goethe herrührt.
III.
Franckfurt, am 24 Nov. 1768.
Hochgeehrtester Herr Professor,
Junge, geht Morgen ab, sollte ich diese Gelegenheit versäumen, an Sie zu
schreiben? Ich beneide alle Welt, die nach Sachsen geht, und meine Briefe dazu;
und doch ist meine Correspondenz nach Sachsen, jetzt fast das einzige, daran ich
ein würckliches Vergnügen finde.
Sie werden Sich verwundern, was Ihr Tischer für Kostbaarkeiten mitbringt;
wir haben uns alle gefreut, dass seine Reise, die Kranckheit ausgenommen, so
glücklich gewesen ist, und hoffen, dass seine Rückreise bey dieser schlimmen
Jahrszeit, so gut gehen wird, als es wahrscheinlich ist.
Wäre der Weeg nach Leipzig, nur nicht gar so schlimm, und gar so lang; ich
wollte Sie einmal recht unvermuhtet überfallen. Denn Ich habe Ihnen gar zu viel
zu sagen. Sie wissen ich hatte immer einen hübschen Fond von Reflecktiohnen
die ich Ihnen meistenteils vortrug, freylich gingen sie manchmal etwas queer,
nun, da belehrten Sie mich eines bessern; aber es giebt tausend Dinge, die man
ohne Bedencken sagt, die man aber groses Bedencken trägt zu schreiben.
Meine Gedancken über den Idris, und den Brief an Riedeln,[111] über den
Ugolino, über Weissens Grosmuht für Grosmuht, über die Abhandlung von
Kupferstichen, aus dem Englischen,[112] sind zwar zum erzälen ganz erträglich,
zum Schreiben noch lange nicht ordentlich, nicht richtig genug.
Die Cabinette hier, sind zwar klein, dafür sind sie häufig und ausgesucht, mein
gröstes Vergnügen ist, mich recht darinne umzusehen. Es ist gut dass Sie mich
gelehrt haben, wie man sich umsieht.
Sonst leide ich viel der Kunst wegen; mein Glück, dass ich schon gewohnt
binn, um meiner Freunde willen zu leiden. Apostel, Propheten und Poeten,
schätzt man selten in ihrem Vaterlande, und noch seltner zu der Zeit, da man sie
alle Tage sehn kann; und doch kann ich mich nicht enthalten den guten Geschmack zu predigen; richtet man gleich nicht viel aus, so lernt man doch