Goethes Briefe an Leipziger Freunde
Kapitel XXIII
XXVII. S. 98.
[245] Werke XXVII. S. 160. Eckermann Gespr. I. S. 250 f. Briefw. m. Schiller VI. S. 276
f. Riemer Mitth. II. S. 500 ff.
XXIII.
Mit vielem Danke, mein Werthester, sende ich den mitgetheilten Aufsatz
zurück. Wer das deutsche Publicum kennt, dessen selbstische Eigenwilligkeiten
Sie so gut schildern, wer zunächst erfahren hat, daß sie vor allem Neuen, so sehr
sie darnach gierig sind, wenn es einigermaßen problematisch ist, eine ängstliche
Apprehension fühlen, und daher den Miswollenden freyes Spiel geben, um sich
nur jener Furcht entledigt zu sehen — der weiß gewiß dankbar anzuerkennen,
wenn ein Freund als Mittelsperson auftreten mag, damit die Menschen sich
geschwinder mit dem befreunden, was ihnen fremd und wunderlich erscheint.
[246] Besonders in den letzten zwanzig Jahren mußte man große Geduld haben:
denn mehrere meiner spätern Arbeiten brauchten zehn und mehr Jahr, bis sie
sich ein größeres Publicum unmerklich erschmeichelten; wie denn ja mein Tasso
über 20 Jahr alt werden mußte, ehe er in Berlin aufgeführt werden konnte. Eine
solche Langmuth ist nur dem zuzumuthen, der sich bey Zeiten den Dédain du
Succès angewöhnt hat, welchen die Frau von Staël in mir gefunden haben will.
[247] Wenn sie den augenblicklichen leidenschaftlichen Succès meint, so hat sie
recht.[248] Was aber den wahren Erfolg betrifft, gegen den bin ich nicht im
mindesten gleichgültig; vielmehr ist der Glaube an denselben immer mein
Leitstern bey allen meinen Arbeiten. Diesen Erfolg nun früher und vollständiger
zu erfahren, wird mit den Jahren immer wünschenswerther, wo man nicht mehr
viel Stunden in Gleichgültigkeit gegen den Augenblick zuzubringen und auf die
Zukunft zu hoffen hat.[249]
In diesem Sinne machen Sie mir ein großes Geschenk durch Ihren Aufsatz
und bethätigen dadurch abermals die frühere mir schon längst bewährte
Freundschaft. Doch darf es mich nicht einmal überraschen, daß Sie in meine
Intentionen auch bey dieser Arbeit so tief eindringen, da Sie unter diejenigen
abwesenden Freunde gehören, die ich mir vergegenwärtige, wenn ich mir meine
alten Mährchen in der Einsamkeit zu erzählen anfange; und ich darf wohl
versichern, daß der nächste und eigentliche Zweck ist, gegen solche auf
indirectem Wege wieder einmal laut zu werden, da die directe Communication
so manches Hinderniß erfährt.[250]
Daß Sie meine asiatischen Weltanfänge [251] so freundlich aufnehmen, ist mir
von großem Werth. Es schlingt sich die daher für mich gewonnene Cultur durch
mein ganzes Leben, und wird noch manchmal in unerwarteten Erscheinungen
hervortreten: wie ich denn von Ihrem liebevollen Glauben hoffen kann, daß Sie
überzeugt sind, der erste Theil sey mit Bewußtseyn und mit Absicht geschrieben,
und enthalte auch nicht das kleinste geringfügig scheinende, was nicht künftig
einmal nach seinem Geschlecht und Art in Blüthe und Frucht hervortreten soll.
Freylich, das Publicum, wenn man es an ein Saatfeld führt, bringt gleich die
Sicheln mit, und bedenkt nicht, daß noch mancher Monat bis zur Erndte hingeht,
ja wohl noch das ganze grüne Feld eine schöne Zeit unter einer Schnee- und
Eisdecke zu ruhen hat.
Es würde mir unendlich interessant seyn, wenn Sie mir mittheilen wollten,
was Sie über die Farbenlehre aufgesetzt haben. Die Wirkung von dieser wird
noch mehr retardirt, als die Wirkung meiner andern Sachen. Denn hier kann man
das Publicum am leichtesten irre führen, indem man mir anderes Verdienst wohl
läßt, aber in dieser Sache, die ja nicht in mein Fach schlage, ein verzeihliches
Travers Schuld giebt. Indessen macht es mich schon glücklich, daß ich diese
Arbeit, die ich so lange mit mir herumgetragen, endlich losgeworden. Was für
eine große Übung es für mich gewesen, diesen Gegenstand durchzuarbeiten,
ermessen Sie selbst; und welche wichtigen Bemerkungen ich mache, indem ich
meine Gegner beobachte, wage ich kaum auszusprechen. Doch ist es ja kein
Geheimniß, daß Niemand überzeugt wird, wenn er nicht will.
Warum sollte ich nun nicht auch wünschen, meine Freunde kennen zu lernen
und besonders Ihre Ansicht, die mir in so mancher Betrachtung werth seyn muß.
Mich zu daurendem Wohlwollen empfehlend
W. d. 30 Jan.
1812.
Goethe
[246] Man vergleiche nur eine Recension des ersten Theils von Dichtung und Wahrheit in
der Bibliothek der redenden und bildenden Künste VIII. S. 261 ff., deren Verfasser „Hrn. v. Goethe während seines Leipz. Aufenthalts ziemlich genau gekannt, mit ihm bei Ernesti Collegia gehört, mit ihm bei Oeser gezeichnet hat;“ wobei er denn wahrnehmen konnte, daß „Hr. v. Goethe mit der deutschen Sprachlehre dazumal noch im Kampfe war — eine Folge seines mangelhaften, unclassischen Hausunterrichts als Knabe.“
[247] De l'Allemagne II, 7: „On apperçoit le dédain du succès dans Goethe à un degré qui
plait singulièrement, alors même qu'on s'impatiente de sa négligence.“ Vgl. Goethe Werke XXVII. S. 150.
[248] „Ich ging auf meinem Weg ruhig fort, ohne mich um den Succeß weiter zu