Goethes Briefe an Leipziger Freunde
Kapitel LVIII
und hat wohlgethan dem Zug nach Rom nicht zu widerstehen; er wird sich selbst
anmelden und des freundlichen Empfangs auch von Ihnen gewiß seyn.
Da noch Raum übrig ist füge Einiges hinzu:
Handle besonnen, ist die praktische Seite von: Erkenne dich selbst. Beides
darf weder als Gesetz noch als Forderung betrachtet werden; es ist aufgestellt
wie das Schwarze der Scheibe, das man immer auf dem Korn haben muß wenn
man es auch nicht immer trifft. Die Menschen würden verständiger und
glücklicher seyn wenn sie zwischen dem unendlichen Ziel und dem bedingten
Zweck den Unterschied zu finden wüßten und sich nach und nach ablauerten,
wie weit ihre Mittel denn eigentlich reichen.
So weit! die treusten Wünsche für Ihre Zufriedenheit aussprechend; was Sie
für Unterhaltung für den Winter sich ausgedacht haben wünsche zu erfahren.
Weimar d. 23. Nvbr. 1829.
herzlichst
G
LVIII.
Um auf Ihren erfreulich erquicklichen Brief sogleich auch nur Weniges
dankbar zu erwiedern bringe das zu Papiere was schon längst Ihnen zuzusenden
die Absicht war.
In jenen traurigen Stunden, wo wir keine Hoffnung auf die Erhaltung unsrer
verehrten Fürstin mehr haben konnten, sie aber doch noch am Leben wußten und
uns immer noch mit irgend einem Wiederaufathmen einer so lange geprüften
Natur schmeicheln mochten, war Ottilie bey mir auf dem Zimmer und Ihre
neusten Bände[293] lagen eben vor. Sie ergriff einen und las in dem heiter
geschriebenen Leben das wunderlich unschuldige Benehmen des seltsamen
Organisten, sodann das Urtheil über die Reichardtischen Lieder und was sonst
noch folgte, das alles unsre Aufmerksamkeit fesseln und unsre Neigung
anziehen konnte, dergestalt daß ich diesen wahren geistreichen Darstellungen in
solchen Tagen und Stunden sehr viel schuldig geworden.
Dieses wollte ganz einfach vermelden und hinzufügen: wie sehr es mich
gefreut hat meine italiänische Reise von Ihnen so von Grund aus reproducirt zu
sehen. Wie möchten wir denn vergangene Zustände uns selbst wieder
hervorrufen und der Welt getrost mittheilen, wenn wir nicht Glauben und Überzeugung hätten es werden sich begabte Geister finden, die das alles