Goethes Briefe an Leipziger Freunde

Johann Wolfgang von Goethe · Kapitel 24 von 106

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Goethes Briefe an Leipziger Freunde

Kapitel III

[135] Bei Moliere, les fourberies de Scapin III, 2.

[136] K. Fr. Kretzschmann in Zittau hatte herausgegeben: „Der Gesang Ringulphs des

Barden, als Varus geschlagen worden war“ (Zittau 1769); welcher in der Neuen Bibliothek der schönen Wissensch. 1769 VIII, 1 S. 76 ff. sehr gelobt wurde. Später erschien auch „Die Klage Ringulphs des Barden“ (Zittau 1771). In den Frankfurter Anzeigen machte sich Goethe noch über ihn lustig (Werke XXXII. S. 48): „Herr Kretschmann erscheint hier in einem ganz unvermutheten Lichte des Patrons, er steht nämlich mit der Goldsichel unter dem heiligen Eichenstamm und initiirt, als ein alter Barde, den Ankömmling Telynhard. Wer doch den Mann kennte, der ihn als Rhingulph eingeweiht hat, damit man's ihm ein klein wenig von Klopstock's und Gerstenberg's wegen verweisen könnte.“

[137] Der Kupferstecher, nachmals Oesers Schwiegersohn.

[138] Wegen der S. 17 f. erwähnten Parodie. Man sieht, Clodius beurtheilte diese

Äußerung jugendlichen Übermuthes billig und verständig. Sein Sohn, der Professor C. A. H. Clodius, glaubte nach dem Erscheinen von Wahrheit und Dichtung die Ehre seines Vaters retten zu müssen durch einen Aufsatz im Morgenblatt (1812 N. 259 f.): „Über einige literarische Jugendurtheile des Herrn von Goethe“, in welchem er über der Pietät gegen seinen Vater die gegen den großen Mann vergessen zu haben scheint.

[139] Lessing im Laokoon.

[140] Vgl. an Reich I.

[141] S. oben S. 118.

 

III.

 

Franckfurt am 8. Apr. 1769.

Nun was ist denn das für ein gros Unglück, wenn ich Sie bitte, ein wenig zu

plaudern? Wie kommen Sie drauf, einen ehrlichen Menschen der an nichts

denckt, für einen Bösewicht anzuschreien, weil er einem Mädgen das Seine

Zunge geläuffig und artig zu gebrauchen weiss, zu erkennen giebt, dass er diese

vorzügliche Gabe Ihres Geschlechts zu schätzen weiss. Mich treffen alle Ihre

vehemente Beschuldigungen, gar nicht; und Sie hätten besser gethan, wenn Sie

nicht böse geworden wären.

Ich soll eine üble Idee vom schönen Geschlecht haben. Auf gewisse Art, ja!

Nur müssen Sie mich verstehn, und meine Worte, nicht jedesmal mit einer

schlimmen Glosse erklären.

Was ich erfahren habe, das weiss ich; und halte die Erfahrung für die einzige

ächte Wissenschafft.[142] Ich versichre Sie, die Paar Jahre als ich lebe, habe ich

von unserm Geschlecht eine sehr mittelmässige Idee gekriegt; und wahrhafftig keine bessre von Ihrem. — Nehmen Sie das nicht übel. — Sie haben mir's

darnach gemacht; und selbst Sie, geben Sie mir nicht Anlass, in meiner

Verstockung fortzufahren? Sie wollen mir Ihr Geschlecht, auf einer andern Seite

zeigen! O, hätten Sie's bey der ersten gelassen, und Ihre Sache würde schlimm

geblieben seyn, ohne schlimmer zu werden. Wie vortheilhafft ist denn diese neue

Seite? Wir wollen sehen! — Dass jedes iunge, unschuldige Herz, unbesonnen,

leichtgläubig, und desswegen leicht zu verführen ist, das liegt in der Natur der

Unschuld. Läugnen Sie mir das! Und heisst denn das beschuldigen, wenn man

die Sache sagt wie Sie ist. Und ist es denn Ihrem Geschlecht eine Schande

leichtgläubig zu seyn? Es scheint als ob Sie's glaubten. Sie widersprechen mir,

und wollen Ihr Geschlecht vertheidigen. — Dass nicht alle Mädgen Leichtsinnig

sind das haben Sie bewiesen; ich muss es gestehen; Aber Sie haben mir zu einer

gefährlichen Meynung geholfen: Der Klügere Theil ist also misstrauisch. Denn

Misstrauen ist die Laune Ihres ganzen Brief's. Wodurch hab ich das verdient? O

der Argwohn liegt in Ihrem Herzen, und da müssen nonchalante, grade, ehrliche

Stellen meiner Briefe, boßhaffter Scherz seyn. Meine Blätter sind in Ihren

Händen, und ich trutze drauf; Sie werden keine Bosheit drinne finden, die Sie

nicht drinne suchen.

Das Urteil eines Frauenzimmers, über Wercke des Geschmacks ist bey mir

wichtiger als die Kritick des Kritickers, die Ursache liegt am Tage, und alle Ihre

Beredsamkeit soll mir meine Ehrlichkeit nicht verdrehen. Was ich sage, wenn

Sie bekennen, dass das Versgen von Rhingulffen,[143] aus List hingesetzt war?

Das werden Sie wohl rahten können. Ich werde sagen, dass Sie Ihre Mausfallen

gut zu stellen wissen, und dass mir's lieb ist, dass ich mich habe fangen lassen.

Sie können sehn, wie ehrlich ich binn; wären Sie grad gewesen, und hätten mich

gefragt, ich würde nicht mehr und nicht weniger gesagt haben. Wäre Hr.

Gervinus[144] nicht bey mir gewesen, so wüste ich gar nicht wie ich dran wäre.

Aus seiner Erzälung habe ich weg; dass der Barde, in Leipzig wohl

aufgenommen worden, dass er durchgehends gefallen hat; und ich sehe wohl

dass er auch Ihnen gefallen hat, und dass ich übels von Ihrem Freund

geschrieben habe. Es sey! Was ich geschrieben habe das habe ich geschrieben.

Schreiben Sie's auf Rechnung des Brodneids, oder der wenigen Empfindung,

dass mir der Barde nicht behagt. Mir ist's eins. Genug, ich kann nichts

empfinden, wo nichts gedacht ist. Und der Republikanische Geist verläugnet

sich nicht; Sachsen hat seine Wildheit und Kühnheit gemässigt, aber zu dem

Concert des Lobs hat es ihn nicht stimmen können. Ich dancke Ihrem Vater, das

Gefühl des Ideals; und die gedrehten Reitze des Franzosen, werden mich so

wenig exstastiren machen, als die platten Nymphen von Dieterich, so nackend und glatt sie auch sind. Jede Art hat ihre Verdienste, nach ihrem Maasstab; ich

binn ihr gehorsamer Diener allerseits, aber, wir wollen uns desswegen nicht

entzweyen, Mamsell; seyn Sie immerhin, nicht so streng gegen die Autoren, nur

seyen Sie auch nicht so streng gegen mich. Wie soll ich mich mit Ihrem

Geschlecht aussöhnen, wenn Sie so fortfahren wie Sie angefangen haben. Und

doch, wenn es Ihnen nicht anders möglich ist, so zancken Sie nur, Sie sind doch

immer hübsch, Sie mögen freundlich, oder böse seyn.

Ihre Bäume in Delis[145] fangen nun bald an auszuschlagen, und so lang sie

grün sind, hoffe ich auf keinen Brief von Ihnen. Unterdessen will ich Sie schon

zwingen, manchmal an mich zu dencken; mein Geist soll so heftig an Ihre

Büsche dencken, dass er Ihnen erscheinen wird eh Sie Sich's versehn; und meine

Briefe, sollen Sie auf die Reitze des Landlebens, in Prosa und Versen

aufmercksamer machen, trutz Hirschfelden dem Anatomicker der Natur; wenn

keine andre Materie vorkommen sollte. Hr. Regis wird schweerlich mit uns

zufrieden seyn können, es thut mir weh das ein so angenehmer Mann, hier so

einen unangenehmen Accessit zum erstenmal gefunden hat. Ich binn — ich

weiss selbst nicht recht, was — Aber doch so gut als jemals, von ganzem Herzen

 

Ihr

Freund und Bewundrer

Goethe.

 

[142] Vgl. Werke XXI. S. 111 ff.

[143] Vgl. S. 154.

[144] Friedr. Gervinus aus Zweibrücken studirte seit 1768 in Leipzig.

[145] Dölitz.

 

Mehr Briefe an Friederike Oeser fanden sich in ihrem Nachlaß nicht vor.

Allein Schöll hat (Briefe und Aufsätze von Goethe S. 49) nach Copien, welche

Goethe zurückbehalten hatte, zwei in Straßburg geschriebene Briefe

herausgegeben, welche, wie ich glaube, ebenfalls an sie gerichtet waren. Der

erste ist überschrieben „an Mamsell F.“; der Aufenthalt in Sesenheim hatte ihm

die Tage zurückgerufen, welche er in ähnlichem Verkehr in Oesers Landhause in

Dölitz zugebracht hatte; der zweite, ohne Überschrift, folgt unmittelbar darauf

auf demselben Bogen und hier ist die Beziehung auf Leipzig klar. Käthchen wird darin erwähnt, über welche nun Niemand zweifelhaft sein wird, und Fränzchen,