Goethes Briefe an Leipziger Freunde

Johann Wolfgang von Goethe · Kapitel 70 von 106

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Goethes Briefe an Leipziger Freunde

*Xix.

den 28 September

1809.

 

Goethe

 

[240] Die Wahlverwandtschaften.

 

*XIX.

 

Das Vertrauen womit ich mir ein Urtheil über mein Neustes von Ihnen erbat

ist durch Ihren liebenswürdigen Brief gar schön belohnt worden; ich danke

Ihnen dafür auf das herzlichste. Billig ist es wohl daß die Freunde des Schönen

und Guten mir ein tröstliches Wort über diese Production sagen, die wenigstens

ein fortgesetztes redliches Streben andeutet und die mich in manchem Sinne

theuer zu stehen kommt; ja, wenn ich die Umstände bedencke unter denen das

Werckchen fertig geworden; so scheint es mir ein Wunder daß es auf dem Papier

steht.

Seitdem es abgedruckt ist habe ich es nicht in der Folge gelesen, eine solche

Prüfung pflege ich gewöhnlich zu verspäten. Ein gedrucktes Werck gleicht

einem aufgetrockneten Fresko Gemälde an dem sich nichts mehr thun läßt.

Soviel es mir noch im Sinne schwebt und wie es sich mir durch Ihre

Bemerckungen vergegenwärtigt, möchte ich wohl noch einige Schraffuren

anbringen der Verknüpfung und Harmonie willen. Weil aber das nicht angeht; so

tröste ich mich damit daß der gewöhnliche Leser dergleichen Mängel nicht

gewahr wird, und der Kunstgebildete, eben indem er die Forderungen macht, für

sich selbst das Werk ergänzt und vollendet.

Daß Sie ein solcher Leser und Schauer sind wußte ich wohl und erfahre es

auch diesmal. Haben Sie doppelten Danck für die Theilnahme und für die

Mittheilung; haben Sie dreyfachen daß Sie es in einer Zeit thun in welcher

mancher andre, mit Fug und Recht, seinen Freunden schwiege und sich mit

seinem eigenen Glück beschäftigte. Möge das Gute das Ihnen bereitet ist so klar

zu Ihnen treten als Sie Welt und Kunst erblicken und so beständig bey Ihnen

verweilen als Sie Ihren Freunden zuverlässig sind. Meines fortdaurenden Anteils

bleiben Sie gewiß.

Weimar

d. 15. Nov 1809

 

Goethe