Goethes Briefe an Leipziger Freunde
Kapitel LVI
Schon werd' ich von manchen Seiten her, von zart aufnehmenden Lesern
wirklich auf die anmuthigste Weise belohnt, von solchen die, was ihren
Gesinnungen und Gefühlen gemäß ist ergreifen, und sich als Menschen gegen
den Autor, insofern er menschlich ist, verhalten.
Nun wird es mich sehr freuen auch von Ihnen mein Theuerster, der sich
übersichtlich, denkend und vergleichend in solchem Falle verhält, manches gute
Wort zu hören. Denn dem Autor in solchem Falle muß dran gelegen seyn zu
erfahren, daß ihm seine Absichten nicht mißglückt, sondern daß vielmehr die
geistigen Bolzen und Pfeile dahin gereicht und da getroffen, wohin er sie
gerichtet und beabsichtigt.
Nun aber verpflichteten Dank für die ausführliche Kenntniß, die Sie mir von
der Aufführung Fausts geben. Es ist wunderlich genug daß diese seltsame Frucht
erst jetzo gleichsam vom Baume fällt. Auch hier hat man ihn gegeben, ohne
meine Anregung, aber nicht wider meinen Willen und nicht ohne meine
Billigung der Art und Weise wie man sich dabey benommen. Mögen Sie mir die
Folge der Scenen wie man sie dort beliebt gelegentlich wissen lassen, so
geschieht mir ein Gefalle; denn es ist immer wichtig zu beobachten wie man es
angegriffen um das quasi Unmögliche, zum Trutz aller Schwierigkeiten, möglich
zu machen.
Liebenswürdig ist es von den Deutschen daß sie das Werk nicht zu entstellen
brauchten um es von dem Theater herab erdulden zu können. Die Franzosen
mußten es umbilden und an die Sauce noch starkes Gewürz und scharfe
Ingredienzien verschwenden. Nach der Kenntniß, die uns davon gegeben ist
kann man begreifen wie das Machwerck dort große Wirkung thun mußte.
Soviel für jetzt und nicht weiter, damit dieses Blatt baldigst zu Ihnen gelange.
Weimar
den 2. Septbr.
1829.
und so fortan!
Goethe
LVI.
Den allerschönsten Dank, theuerster Mann, für die gefällig mitgetheilte
Nachricht wie es meinem redigirten Faust vor und nach der Aufführung ergangen. Bey meiner vieljährigen Theaterverwaltung hab' ich eine solche oft
verlangte ja dringend geforderte Vorstellung niemals begünstigt und sie auch
jetzt hier am Orte im eigentlichsten Sinne nur geschehen lassen. Was man auch
übrigens von der Aufführung halten mag, so geht doch besonders aus der in
Leipzig die alte Wahrheit: man solle den Teufel nicht an die Wand mahlen, aufs
deutlichste hervor.[291]
Wegen der freundlichen Anfrage welche Ihr lieber Brief enthält, will ich
folgendes aufrichtig erwiedern.[292] Des Herrn Grafen Ankunft in Weimar,
würde, nach der mir gegebenen Kenntniß, in den December fallen, einen Monat,
der mich schon seit vielen Jahren, besonders aber in meinen alten Tagen, nicht
zum besten behandelt, wo ich mich meist in meinem Zimmer aufhalte und leider
nur den nächsten Freunden zugänglich bin. Einen so werthen Gast kann ich also
auf diese Zeit nicht einladen, da ich keinen Tag und keine Stunde von meinem
Befinden sicher bin.
Dies hindert aber nicht, daß ich in günstigen Augenblicken Durchreisende,
hier verweilende würdige Personen sehe, spreche und mich mehrmals mit ihnen
unterhalte. Würden also Herr Graf Mannteufel in jener Zeit Weimar besuchen,
wo die beyden Höfe und eine mehrfach interessante Gesellschaft bedeutenden
Fremden einen angenehmen Aufenthalt zu bereiten wissen; so würde ich mich
glücklich schätzen jede gute mir gegönnte Stunde mit einem solchen Manne
zuzubringen, ihm von dem Meinigen was ihn interssiren könnte mitzutheilen,
und dagegen an den Schätzen seiner Erfahrung und Sammlung freudigen Antheil
zu nehmen. Mögen Sie dies, mein Theuerster, gefällig mit meinen besten
Empfehlungen ausrichten und mittheilen, so werde solches dankbarlichst
anerkennen.
Freylich fiel Ihr Besuch in die gute Jahreszeit, wo die Räume meines Hauses
am heitersten zu benutzen sind und dem wohlmeinenden Wirthe bessre
Gelegenheit geben seine Gesinnungen gegen Besuchende auszudrücken.
Mit den treusten Wünschen mich geneigtem Andenken und fortgesetzten
Mittheilungen angelegentlichst empfehlend.
Weimar
den 29 Septbr.
1829.
Und so fortan!
J W Goethe
[291] Bei der Aufführung des Faust in Leipzig hatte die akademische Jugend bei einigen
Stellen einen so ausgelassenen Beifall kund gegeben, daß man in Dresden für nöthig fand