Goethes Briefe an Leipziger Freunde
Kapitel XLII
mir mit Entzücken von den Abenden, wo Sie Freunden eine Beschauung Ihrer
Schätze gewähren. Möcht ich doch auch Theil daran nehmen können!
Weimar
den 3. April
1820.
treulichst
Goethe
XLII.
Ihre werthe Sendung mein Theuerster, ist mir keineswegs klein: denn sie sagt
mir, daß Sie meiner gedenken, und nicht etwa nur im Augenblick des
Schreibens, sondern auch in Zuständen, wo unser Wollen und Vollbringen im
Conflict ist. Da ich nun auch auf gleiche Weise, mich gegen das Leben verhalten
muß, in bewegter Ruhe, in ruhiger Bewegung, wenn nicht gar die ganze
Weltgeschichte, wie schon ein paar mal geschehen, über uns herpoltert; so
nehme ich immer im Stillen reinen Antheil an denen, die mit mir, früher oder
später, heran kamen, gleiche Gesinnungen gehegt und gleiche Schicksale erlebt
haben.
Und so sey Ihnen Dank für das niedliche Stück, [274] das Gelegenheit gab
Ihrem Schreiben. So viele Jahre früher wäre es schon aufgeführt, unter
gegenwärtigen Umständen habe es den zeitigen Machthabern eingehändigt,
welche sich deßen gerne bedienen und auf die Fortsetzung begierig seyn werden.
Aus beyliegendem nehmen Sie auch freundlich Ihren Antheil.
Jena
den 3. Octobr.
1820.
treulichst verbunden
Goethe
[274] Die Freunde, Schauspiel in 1 Akt. Auswahl Th. V.
XLIII.