Goethes Briefe an Leipziger Freunde
Kapitel XXXV
Jena
den 24 Novembr.
1817.
ergebenst
Goethe
[265] Briefw. m. Jacobi S. 262.
[266] Briefw. m. Zelter II. S. 415.
XXXV.
Daß Ew. Wohlgeboren nicht schon längst auf Ihren werthen Brief geantwortet,
ist der verspätete Druck beykommenden Heftes eigentlich Schuld. Nehmen Sie
es freundlich auf und gedenken dabei vergangener Zeiten.
Briefe, wie Sie solche wünschen, finden sich wohl unter meinen Papieren.
Leider verbrannte ich 1797 eine zwanzigjährige geheftete Sammlung aller
eingegangener Briefe, die ich mir bei meinen biographischen Arbeiten sehnlichst
zurückwünschte; die neueren, bis auf wenige Jahre, stehen in Kisten geschlagen
in Bodenkammern, wo jetzt unmöglich zu arbeiten ist. Ferner habe ich eine
schöne Sammlung eigenhändiger Briefe der Schriftzüge wegen gesammelt,[267]
auch diese will ich durchgehen um etwas für Sie herauszufinden. Nur
gegenwärtig bitte um Geduld! Außer mancherley äußern Zudrang habe ich noch
meinen Divan auf die Messe zu bringen und was dergleichen mehr ist.
Nun noch eine vertrauliche Frage, die ich mir baldigst zu beantworten bitte.
Nach der augenblicklichen Erschütterung von Jena möchten wohl auch die
Griechen daselbst, zwölf an der Zahl, auswandern. Ich kenne mehrere davon,
vorzügliche, fleißige und stille Menschen.[268] Sollten sie wohl sämmtlich oder
zum Theil in Leipzig Unterkommen finden wenn sie sich gebührend meldeten?
Sagen Sie mir, da Sie die dortige Constellation kennen, wie Sie hierüber denken,
es soll, was Sie mir vertraulich äußern, niemand erfahren. Über die wunderlichen
Zustände des Tages kein Wort, jeder muß diese Vorfälle bei sich selbst
verarbeiten.
Mit unwandelbarer Neigung und Vertrauen
Weimar d. 4. April
1819.