Goethes Briefe an Leipziger Freunde
Kapitel XLI
mehrmals empfand, das nämlich, daß mich keine Furcht für Sie anwandlen
wollte. Eben aber, die Reise nach Böhmen anzutreten endlich bestimmt, wollte
ich, zu meiner Beruhigung bey andern anfragen und in demselben Augenblick
erfahre ich, von freyen Stücken, durch Sie selbst, Ihre Genesung. Lassen Sie
mich dazu aufrichtig Glück wünschen und nach einem solchen Sturze eine
dauerhafte Gesundheit hoffen. Der vielfache Drang vor meiner Abreise verbietet
mir mehr zu sagen, deshalb ich auch auf Ihren ferneren geneigten Antrag zu
antworten bis auf meine Rückkunft verschiebe: denn dergleichen überraschende,
wohlmeynende Gesinnungen anzunehmen oder abzulehnen ist gleich
bedenklich. Leben Sie inzwischen recht wohl und empfangen meinen
aufrichtigen Dank, sowohl für baldige Nachricht Ihrer Beßerung, als die sogleich
gegen uns gewendete Neigung Ihres lieben Gemüthes.
Möge ich bey meiner Rückkehr das Gute und Beßere von Ihrem Befinden
vernehmen.
Jena
den 23. August.
1819.
treulichst verbunden
Goethe
XLI.
Nun möchte denn doch auch wieder einmal Zeit seyn bey Ihnen, mein
werthester Herr und Freund, theilnehmend anzuklopfen nach Ihrer Thätigkeit zu
fragen, damit man doch wieder als mitlebend erscheine. Seit dem August
vorigen Jahrs hab' ich mir viel auferlegt und ist mir viel auferlegt worden, so daß
diese Zeit, ob ich gleich gar keiner Zerstreuung Raum gebe und der
entschiedensten Einsamkeit genieße, auch Tag und Stunde zu nützen suche, ich
dennoch immer in Rückstand verbleibe. So schleicht sich denn auch die
Erfahrung ein, daß das Alter weniger fördert als die Jugend und man nicht mehr
von einer Thätigkeit zur andern so schnell übergehen kann.
Nehmen Sie ein Exemplar meines Divans als Zeichen des Zutrauens und der
Hochachtung. Da ich mich einmal in jene Regionen gewagt, so hab ich, wie es
auf Reisen zu gehen pflegt, mich länger verweilt, mehr Zeit und Kräfte
verwendet, als billig, auch zuletzt keine Anstrengung gescheut um nur endlich
wieder nach Hause zu kommen. Sagen Sie mir nun auch etwas von sich und wie es mit Ihren literarischen- und Kunstbeschäftigungen geht? Herr Weigel schreibt