Goethes Briefe an Leipziger Freunde
Kapitel XLIV
Ew. Wohlgeb.
verzeihen wenn ich erst späte und nur mit wenigen Worten vermelde: daß
wirklich an dem ersten Band von Wilhelm Meisters Wanderjahren gedruckt
wird, damit er Ostern erscheinen könne. Auch dieser wunderlichen, verspäteten
Production erbitte Gunst und Antheil.
Ihren auserlesenen Arbeiten [275] werde gern manche ruhige Stunde widmen
und, wie sonst, daraus mannigfaltiges Vergnügen schöpfen. Erhalten Sie mir ein
geneigtes Andenken! Gedrängt von vielen Seiten! Eiligst.
Weimar
den 18. Febr.
1821.
aber treulichst
Goethe
[275] Auswahl aus Fr. Rochlitz's sämmtlichen Schriften. Züllich. 1821. 22.
XLIV.
Wenn der Unglaube, wie das Alte und Neue Testament behauptet, die größte
Sünde ja die Sünde der Sünden ist, so haben Sie, mein Werthester, viel
abzubüßen, da sie an der guten Wirkung Ihrer allerliebsten Productionen
immerfort Zweifel hegen. Gerade im Gegentheil kann ich versichern daß ich in
den mitgetheilten werthen Bänden mich mit ältern Freunden und Bekannten gar
gern unterhalten, neuere mit Heiterkeit begrüßt und so die angenehmsten
Stunden verlebt habe.
Nehmen Sie nun von Ihrer Seite meinen Wanderer freundlich auf, wie er sich
denn hiermit bescheiden und heiter darstellt. Da es uns Deutschen nun einmal
nicht gegönnt ist in entschieden geistreicher Gesellschaft des Lebens zu
genießen und uns gegenwärtig in Person an einander auszubilden: So möge denn
was dem Einsamen gelingt zuletzt gesellig zusammentreten und uns empfinden
lassen wie wir nachbarlich mit einander gelebt und uns wechselseitig liebend
gefördert. Erhalten Sie mir ein fortdauerndes freundliches Andenken.
Weimar
den 21. Juny
1821.