Goethes Briefe an Leipziger Freunde

Johann Wolfgang von Goethe · Kapitel 78 von 106

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Goethes Briefe an Leipziger Freunde

Kapitel XXX

wird.[255]

Die Bildung Ihres Charakters und Styls, erscheint hier im vortheilhaftesten

Lichte: es thut immer eine große Wirkung, wenn der Mann auch seine

schlimmsten Erfahrungen würdig darzustellen weiß.

Mit dem Altern ist es freylich so eine Sache. Die Jahre könnte man allenfalls

noch wohl ertragen, wenn sie flüchtig wie die früheren vorüber gingen, da sie

aber so manches, auch von Außen, heranschleppen, womit sich die Jugend selbst

nicht befaßen möchte, so spürt man freylich den Mangel an Kraft und Ausdauer

doppelt und dreyfach. Hat man indeßen so lange des Guten genoßen und sich in

das Schlimme gefügt, so bleibt wohl nichts übrig, als daß man seine Kräfte

zusammen nehme, um bis ans Ende etwas werth zu seyn.

Erhalten Sie mir Ihre Theilnahme und bleiben der meinigen gewiß. Empfehlen

Sie mich den werthen Ihrigen und auch in dem Löhrisch-Keilischen Hause.

Schließlich, da ich mich zu Ihnen versetzt hatte, fällt mir noch ein Wunsch

ein: könnten Sie mir gelegentlich eine recht gute Federzeichnung von Guercin

um billigen Preiß verschaffen, es sey Landschaft, Kopf, oder Halbfigur, so

geschähe mir ein ganz besonderer Gefalle. In jener von mir versäumten Auction

waren deren mehrere.

Nochmals mich bestens empfehlend.

Weimar d 10. Decbr.

1816.

 

ergebenst

Goethe

 

[254] Neue Erzählungen von Fr. Rochlitz. Leipz. 1816.

[255] „Der Tag der Gefahr,“ vgl. XLVI. Werke XXVII. S. 319. XXXII. S. 336 f.

 

XXX.

 

Ew. Wohlgebornen

geneigtes Schreiben hat mir viel Freude gemacht, ich sehe daraus daß mein

Andenken bey Ihnen lebendig ist, und daß Sie auf die freundschaftlichste Art

meine Neigung zu befriedigen wünschen und mir für belehrende Unterhaltung

Sorge tragen wollen. Ich nehme daher das Anerbieten wegen des Guercin. Bildes

dankbar auf, bitte mir solches zu senden, und nicht zu verhehlen was ich dafür schuldig werde.