Goethes Briefe an Leipziger Freunde
Kapitel XXX
wird.[255]
Die Bildung Ihres Charakters und Styls, erscheint hier im vortheilhaftesten
Lichte: es thut immer eine große Wirkung, wenn der Mann auch seine
schlimmsten Erfahrungen würdig darzustellen weiß.
Mit dem Altern ist es freylich so eine Sache. Die Jahre könnte man allenfalls
noch wohl ertragen, wenn sie flüchtig wie die früheren vorüber gingen, da sie
aber so manches, auch von Außen, heranschleppen, womit sich die Jugend selbst
nicht befaßen möchte, so spürt man freylich den Mangel an Kraft und Ausdauer
doppelt und dreyfach. Hat man indeßen so lange des Guten genoßen und sich in
das Schlimme gefügt, so bleibt wohl nichts übrig, als daß man seine Kräfte
zusammen nehme, um bis ans Ende etwas werth zu seyn.
Erhalten Sie mir Ihre Theilnahme und bleiben der meinigen gewiß. Empfehlen
Sie mich den werthen Ihrigen und auch in dem Löhrisch-Keilischen Hause.
Schließlich, da ich mich zu Ihnen versetzt hatte, fällt mir noch ein Wunsch
ein: könnten Sie mir gelegentlich eine recht gute Federzeichnung von Guercin
um billigen Preiß verschaffen, es sey Landschaft, Kopf, oder Halbfigur, so
geschähe mir ein ganz besonderer Gefalle. In jener von mir versäumten Auction
waren deren mehrere.
Nochmals mich bestens empfehlend.
Weimar d 10. Decbr.
1816.
ergebenst
Goethe
[254] Neue Erzählungen von Fr. Rochlitz. Leipz. 1816.
[255] „Der Tag der Gefahr,“ vgl. XLVI. Werke XXVII. S. 319. XXXII. S. 336 f.
XXX.
Ew. Wohlgebornen
geneigtes Schreiben hat mir viel Freude gemacht, ich sehe daraus daß mein
Andenken bey Ihnen lebendig ist, und daß Sie auf die freundschaftlichste Art
meine Neigung zu befriedigen wünschen und mir für belehrende Unterhaltung
Sorge tragen wollen. Ich nehme daher das Anerbieten wegen des Guercin. Bildes
dankbar auf, bitte mir solches zu senden, und nicht zu verhehlen was ich dafür schuldig werde.