Goethes Briefe an Leipziger Freunde
Kapitel III
Sie haben Recht, meine Freundinn, dass ich jetzt für das gestraft werde, was
ich gegen Leipzig gesündigt habe, mein hiesiger Aufenthalt, ist so unangenehm,
als mein Leipziger angenehm hätte seyn können, wenn gewissen Leuten gelegen
gewesen wäre, mir ihn angenehm zu machen. Wenn Sie mich schelten wollen, so
müssen Sie billig seyn, Sie wissen was mich unzufrieden, launisch, und
verdrüsslich machte, das Dach war gut, aber die Betten hätten besser seyn
können, sagt Franziska.
Apropos was macht unsre Franziska, verträgt sie sich bald mit Justen? Ich
dencke's. So lang der Wachtmeister noch da war, nun da dachte sie an ihr
Versprechen, jetzt da er nach Persien ist, eh nun, aus den Augen aus dem Sinn,
da nimmt sie lieber einen Diener, den sie sonst nicht mochte, als gar keinen.
Grüßen Sie mir das gute Mädgen. Sie formalisiren Sich über das ganz besondere
Compliment an Ihre Nachbarinn.[46] Was für Sie übrig bleibt? Was das für eine
Frage ist. Sie haben meine ganze Liebe, meine ganze Freundschafft, und das
allerbesonderste Compliment, ist doch noch lange nicht der tausendste Teil
davon, das wissen Sie auch, ob Sie gleich zur Plage, oder Unterhaltung, Ihres
Freundes (denn beydes heisst bei Ihnen einerley) tuhn als ob Sie es nicht
wüssten, wie Sie es in mehr Stellen Ihres Briefes getahn haben, Z. E. in der
Stelle vom Abschied pp. das ich übergehe.
Zeigen Sie diesen Brief, und wenn ich bitten darf alle meine Briefe, Ihren
Eltern, und wenn Sie wollen, Ihren besten Freunden, aber niemand weiter; Ich
schreibe, wie ich geredet habe, aufrichtig, und dabey wünsche ich, dass es
niemand, wer es falsch auslegen könnte zu sehen kriegte. Ich binn wie immer,
unaufhörlich
ganz der Ihrige
J. W. Goethe.
[44] S. S. 82. Dieser Theaterheld ist nicht ausfindig gemacht.
[45] Wahrscheinlich H. Fr. Stark, tägliches Handbuch in guten und bösen Tagen. Frkf. a.
M. 1739.
[46] Mlle. Obermann (s. S. 70), deren Eltern Schönkopfs gegenüber wohnten. Auch Horn
läßt bald „die beiden guten Mädchen in Ihrer Nachbarschaft“ grüßen, bald „die hübsche Jungfer Nachbarin“, auch seine Jungfer Gevatterin; doch nennt er auch eine gewisse Mamsell Lauer. Man merkt an dem Ton, daß es dabei auf eine Neckerei abgesehen war.
III.
Franckf. am 30. Dec. 68.
Meine beste, ängstliche
Freundinn
Sie werden ohne Zweifel zum neuen Jahre, durch Hornen die Nachricht von
meiner Genesung erhalten haben; und ich eile es zu bestättigen. Ja meine Liebe,
es ist wieder vorbey, und inskünftige müssen Sie Sich beruhigen wenn es ja
heissen sollte: Er liegt wieder! Sie wissen meine Constitution macht manchmal
einen Fehltritt, und in acht Tagen hat sie sich wieder zurechte geholfen; diesmal
war's arg, und sah noch ärger aus als es war, und war mit schröcklichen
Schmerzen verbunden. Unglück ist auch gut. Ich habe viel in der Kranckheit
gelernt, das ich nirgends in meinem Leben hätte lernen können. Es ist vorbey
und ich binn wieder ganz munter, ob ich gleich drey volle Wochen nicht aus der
Stube gekommen binn, und mich fast niemand besucht, als mein Docktor, der
Gott sey Danck ein liebenswürdiger Mann ist. Ein närrisch Ding um uns
Menschen, wie ich in munterer Gesellschafft war, war ich verdrüsslich, jetzt binn
ich von aller Welt verlassen, und binn lustig; denn selbst meine Kranckheit über,
hat meine Munterkeit meine Famielie getröstet, die gar nicht in einem Zustande
war, sich, geschweige mich zu trösten. Das Neujahrslied, das sie auch werden
empfangen haben, habe ich in einem Anfall von groser Narrheit gemacht, und
zum Zeitvertreibe drucken lassen.[47] Übrigens zeichne ich sehr viel, schreibe
Mährgen, und binn mit mir selbst zufrieden. Gott gebe mir das neue Jahr was
mir gut ist, das geb er uns allen, und wenn wir nichts mehr bitten als das; so
können wir gewiß hoffen dass er's uns giebt. Wenn ich nur biss in Aprill komme,
ich will mich gern hinein schicken lassen. Da wird's besser werden hoffe ich,
besonders kann meine Gesundheit täglich zunehmen, weil man nun eigentlich
weiss was mir fehlt. Meine Lunge ist so gesund als möglich, aber am Magen
sitzt was. Und im Vertrauen man hat mir zu einer angenehmen vergnüglichen
Lebensart Hoffnung gemacht, so dass meine Seele sehr munter und ruhig ist.
Sobald ich wieder besser binn, werde ich ausgehen in fremde Lande, und es soll
nur auf Sie und noch jemand ankommen, wie bald ich Leipzig wiedersehen soll;
Inzwischen dencke ich nach Franckreich zu gehen, und zu sehen wie sich das
französche Leben lebt, und um französch zu lernen. Da können Sie Sich
vorstellen was ich ein artiger Mensch seyn werde, wenn ich wieder zu Ihnen
komme. Manchmal fällt mir's ein, dass es doch ein närrscher Streich wäre, wenn
ich trutz meiner schönen Projeckten vor Ostern stürbe. Da verordnete ich mir
einen Grabstein, auf dem Leipziger Kirchhof, dass ihr doch wenigstens alle Jahr
am Johannes, als meinem Nahmens Tag, das Johannismännchen, und mein
Denkmal besuchen möget.[48] Wie meynen Sie?