Goethes Briefe an Leipziger Freunde

Johann Wolfgang von Goethe · Kapitel 40 von 106

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Goethes Briefe an Leipziger Freunde

19. An den Mond.

 

Schwester von dem ersten Licht,

Bild der Zärtlichkeit in Trauer!

Nebel schwimmt mit Silberschauer

Um dein reizendes Gesicht.

Deines leisen Fußes Lauf

Weckt aus Tagverschloßnen Hölen

Traurig abgeschiedne Seelen,

Mich, und nächt'ge Vögel auf.

 

Forschend übersieht dein Blick

Eine großgemeßne Weite!

Hebe mich an deine Seite,

Gieb der Schwärmerey dieß Glück!

Und in wollustvoller Ruh,

Säh der weitverschlagne Ritter

Durch das gläserne Gegitter,

Seines Mädgens Nächten zu.

 

Dämmrung wo die Wollust thront,

Schwimmt um ihre runden Glieder.

Trunken sinkt mein Blick hernieder.

Was verhüllt man wohl dem Mond.

Doch, was das für Wünsche sind!

Voll Begierde zu genießen,

So da droben hängen müßen;

Ey, da schieltest du dich blind.

 

20. Zueignung.

 

Da sind sie nun! Da habt ihr sie!

Die Lieder, ohne Kunst und Müh

Am Rand des Bachs entsprungen.

Verliebt, und jung, und voll Gefühl

Trieb ich der Jugend altes Spiel,

Und hab sie so gesungen.

 

Sie singe, wer sie singen mag!