Goethes Briefe an Leipziger Freunde
Kapitel VIII
[232] Werke VI. S. 411 ff.
VIII.
Ew. Wohlgeboren
haben mir ein sehr großes Vergnügen gemacht. Denn gewiß ist eine Theater-
Direction ein sorgenvolles Geschäft, besonders wenn man den Kennern und der
Menge zugleich gefallen, die Fortbildung der Künstler und gute Einnahmen
zugleich erleben will. Ihr Schreiben setzt alle die Verhältnisse so klar
auseinander, daß ich gegenwärtig zu seyn und sehr bekannte Zustände mit
eigenen Augen zu sehen glaubte. Haben Sie die Güte den Antheil, den Sie dieser
Anstalt gegönnt, immer fort zu erhalten, auch wenn einiges vorkommen möchte
was nicht ganz Ihre Billigung hat. Leiten und Lenken Sie dieses Schifflein aufs
Beste.
Sehr gern hätte ich Ihnen gegen Ihre Betrachtungen auch die meinigen
mitgetheilt, die beym Lesen Ihres Briefs in mir erregt wurden; doch ist man
durch diese Brunnen-Cur so zerstreut und verstört, daß man nicht leicht brieflich
etwas kluges zusammen bringt. Haben Sie jedoch indessen die Güte mir von Zeit
zu Zeit einige Nachricht zu geben, welche mir, je ausführlicher und
umständlicher sie ist, nur zur angenehmeren Unterhaltung dienen wird. Für den
Augenblick habe ich den Effect des Brunnens sehr zu loben. Könnte es in der
Folge so bleiben, so wäre das sehr erwünscht. Mich bestens empfehlend
Carlsbad
den 5 Juni 1807.
Goethe
IX.
So ist denn unser theatralisches Unternehmen in Leipzig glücklich vollendet,
mit Ehre und Vortheil belohnt und was mir gleich lieb ist, ich sehe unsre
Schauspieler nach dieser Epoche froher williger thätiger, und hoffe sowohl für
uns einen unterhaltenden Winter als auch künftig für Leipzig eine neubelebte
Sommerunterhaltung. Denn wir haben mancherley artige und mitunter seltsame Dinge vor uns, an denen wir uns zu üben gedenken.
Haben Sie, mein werthester Herr Rath, den besten Dank für Ihren
freundlichen Antheil. Ich weiß die stille geräuschlose Behandlungsart recht gut
zu schätzen, mit der Sie den unsrigen nachzuhelfen wußten. Wenn es mit dem
Epilog eine Irrung gab,[233] so bin ich vielleicht selbst daran Schuld, weil ich
mich nicht deutlich erinnere, ob ich unserer Regie deshalb geschrieben habe,
mich auf einen natürlichen Gang der Sache und auf Ihr Einwirken, wie bey dem
ersten Abschied,[234] verlassen habe. Auch dafür nehmen Sie Dank, was Sie
gewollt gethan und verschwiegen.
Ihre Briefe nehme ich manchmal wieder vor mich und habe sie schon öfter
gelesen. Sie dienen mir zum Leitfaden in dem täglichen Theaterlabyrinth, das
einer der wunderlichsten Irrgärten ist, die ein Zauberer nur erfinden konnte.
Denn nicht genug, daß er schon sehr wunderlich bepflanzt ist, so wechseln auch
noch Bäume und Stauden von Zeit zu Zeit ihre Plätze, so daß man sich niemals
ein Merkzeichen machen kann, wie man zu gehen hat.
Leider ist hier in Weimar die sondernde Critik nicht sehr zu Hause. Man
nimmt alles zu sehr im Ganzen. Stücke, Schauspieler, Aufführung, alles wird
entweder nur gebilligt oder gemißbilligt, wobey denn Vorurtheil und Laune
herrschend werden, und man sich weder des Lobes recht erfreuen, noch den
Tadel sehr zu Herzen nehmen kann.
Daher ist es mir unendlich viel werth, daß unsere Schauspieler wenigstens
gewahr geworden, daß eine solche Critik existirt, welche die Mängel
begünstigter und die Tugenden gleichgültiger, ja unbegünstigter Personen zu
würdigen weiß.[235] Ich selbst werde diesen Winter das Schauspiel öfter
besuchen, und meine innern und äußern Sinne zu genauerer Prüfung schärfen.
Denn ich gestehe gern, das hiesige Publicum machte mir durch willkührliche
Zuneigung und Abneigung oft so böse Laune, daß ich, jemehr ich mir in den
Proben Mühe gegeben hatte, desto weniger Lust fühlte, der Aufführung selbst
bey zu wohnen. Nun aber, da mich eine Stimme von außen her aufregt und
bestätigt, so werde ich wieder eine Weile auf meinem Wege strecklings
fortgehen und mich der Resultate vielleicht selbst erfreuen.
Die gute Aufnahme meiner Stücke hat mir eine besonders angenehme
Empfindung gemacht. Ich dachte wohl, daß sie auch einmal Epoche haben
könnten, aber nach der Lage des deutschen Theaters glaubte ich's nicht zu
erleben. Artig ist es, daß sogar das kleine Schäferspiel, das ich 1768 in Leipzig
schrieb, auch noch auftauchen mußte und gut empfangen ward.[236]
Nochmals vielen Dank, den ich gerne mündlich abgestattet hätte, wenn ich
nicht, da mir die Brunnenkur ganz wohl bekommen ist, mich vor einer allzuraschen Geselligkeit gefürchtet hätte. Jetzt will ich sehen, ob ich meine