Petersburg

Andrey Bely · Kapitel 9 von 103

PDF-Seiten

Petersburg

Aber schweigen Sie doch! . . .

Dann schloß sich die Tür hinter ihm.

Apollon Apollonowitsch stand und atmete.

»Exzellenz . . . wollen sich doch hinsetzen . . . Siehe doch nur: Exzellenz

schöpfen kaum Atem.«

»Immer laufen Exzellenz, als ob Sie noch ein kleiner Junge wären . . .«

»Wollen doch Exzellenz ein wenig sitzen, bis Sie zu sich kommen.«

»So ist es, ja . . .«

»Vielleicht . . . einen Schluck Wasser?«

Aber das Gesicht des ruhmreichen Mannes erhellte sich wieder, kindisch

wurde es, greisenhaft, überzog sich mit Fältchen.

 

Doch das Herz, der Vernunft nicht gehorchend, bebte und pochte; und alles

umher schien deswegen so — und wieder auch nicht so . . .

 

Aber schweigen Sie doch! . . .

 

Die Petersburger Straße durchdringt im Herbst den ganzen Organismus: Sie

macht das Knochenmark frieren; sie kitzelt das zitternde Rückgrat; trittst du aber

von der Straße in einen warmen Raum, beginnt sie im Blute als Fieber zu

kreisen. Diese Eigenschaft der Straße empfand jetzt der Unbekannte, in das

Vorzimmer tretend, das erfüllt war von schwarzen, blauen, grauen, gelben

Mänteln, von burschikosen, langohrigen, stutzschwanzigen Mützen und

allerhand Überschuhen. Warme Feuchtigkeit schlug ihm entgegen; in der Luft

hing weißlicher Dampf.

Das Individuum mit dem Schnurrbärtchen trat, nachdem es seine Überkleider

in Verwahrung übergeben hatte, in den Saal . . .

»A—a—a . . .«

Ihn betäubten zuerst die Stimmen.

 

»Kre—e—ebse . . . aaa . . . ah—aa—ha . . .«

»Sehen Sie, sehen Sie, sehen Sie . . .«

»Sprechen Sie nicht . . .«

»Me—emme . . .«

»Und noch Wodka dazu . . .«

»Aber wieso denn . . . aber gehen Sie . . . Was Sie nicht sagen . . .«

Der Restaurantsaal war ein ziemlich schmutziger Raum; der Boden war mit

Pasta bestrichen; die Wände, von einem Schildermaler bemalt, stellten die

Trümmer einer schwedischen Flottille dar, von deren Höhe Peter der Große mit

der Hand in die Ferne zeigte; und weiter sah der Beschauer waschblaufarbene

Flächen als weißmähnige Wälle ihm entgegenstürmen; durch den Kopf des

Unbekannten aber stürmte ein Wagen . . .

 

»Wünschen Sie mit Sirup?« wandte sich der dick aufgedunsene Wirt vom

Schanktisch an unseren Unbekannten.

»Nein, ohne.«

Selbst aber dachte er: Warum war der Blick hinter dem Wagenfenster

erschrocken? Die Augen waren hervorgetreten, wurden steinern und schlossen

sich dann; der tote, rasierte Kopf wiegte sich und verschwand; der Rücken war

nicht von der Peitsche eines grausamen Wortes erwärmt; die schwarz-

wildlederne Hand schwang sich machtlos in der Luft; es war nicht eine Hand, es

war nur ein . . . armseliges Händchen . . .

»Noch ein Glas . . .«

 

Dort weiter saß ein müßig schwitzender Mann mit breitem Kutscherbart; in

blauer Joppe, die geschmierten Schaftstiefel über die graue Soldatenhose

gezogen. Der müßig schwitzende Mann trank ein Glas nach dem anderen.

 

Dreimal schluckte mein Unbekannter das scharfe, farblos glänzende Gift, dessen

Wirkung an die Wirkung der Straße gemahnte. Speiseröhre und Magen lecken

mit vertrockneter Zunge seine rachevollen Flammen, das Bewußtsein aber, des

Körpers entledigt, sich um diesen zu wirbeln beginnt und wird unerhört hell . . .

Nur für einen kurzen, einen Atemzug währenden Augenblick.

Und das Bewußtsein des Unbekannten wurde für einen kurzen, einen

Atemzug währenden Augenblick hell, und er erinnerte sich: die Arbeitslosen

hungern; die Arbeitslosen hatten ihn gebeten, und er hatte ihnen versprochen;

und er hatte von ihnen bekommen — ja? Wo ist das Paketchen? Da ist es ja, hier

— neben ihm . . . Von ihnen hatte er das Paketchen bekommen.

In der Tat: die Begegnung auf dem Newskij hat sein Gedächtnis verwirrt.