Petersburg

Andrey Bely · Kapitel 80 von 103

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Petersburg

Petersburg

 

In vollständiger Verwirrung betrat Alexander Iwanowitsch sein armseliges

Zimmer; vor einem brennenden Lichtstumpf kauerte Stjopka auf der Pritsche,

den buschigen Kopf tief über ein Buch in altslawischem Druck gebeugt.

Stjopka las in einem Gebetbuch.

Alexander Iwanowitsch erinnerte sich, daß er Stjopka gebeten hatte, das

Gebetbuch mitzubringen: er wollte darin das Gebet des großen Wassilij: die

Beschwörung des Teufels, nachlesen.

»Du bist da, Stjopka, das freut mich!«

»Ich habe Ihnen das Geb . . .« — Nachdem er einen Blick auf den Gast

geworfen: »Ich habe Ihnen das Gewünschte gebracht . . .«

»Ich danke dir . . .«

»Ich habe Sie erwartet und inzwischen darin gelesen . . .« (Wieder ein Blick

auf den Unbekannten). . . »Jetzt muß ich aber gehen . . .«

Alexander Iwanowitsch faßte Stjopka an der Schulter:

»Geh nicht fort, bleib noch eine Weile . . . Dieser Herr da ist Herr

Schischnarfijew.«

Dieser stand an der Tür; er hatte seinen Hut abgenommen, den Mantel aber

behielt er an und betrachtete das Zimmer mit fragenden Blicken:

»Nicht sehr schön haben Sie es hier . . . Feucht ist es ein wenig . . . und kalt

. . .«

Der Lichtstumpf brannte aus: das Papier, mit dem es an seinem Ende

umwickelt war, begann zu brennen, und plötzlich begannen die Wände in

fließendem Rot zu tanzen.

 

»Nein, Herr, bitte mich zu entlassen, ich muß gehen« — Er warf einen etwas

schielenden, feindseligen Blick auf Alexander Iwanowitsch, während er den

Gast überhaupt keines Blickes mehr würdigte; — »lassen Sie mich gehen; ein

anderes Mal schon . . .«

Er nahm das Gebetbuch an sich.

Unter Stjopkas scharfem Blick senkte Alexander Iwanowitsch unwillkürlich

den seinigen: ihm schien der scharfe Blick ein Blick des Vorwurfs zu sein. Wie

soll er sich jetzt Stjopka gegenüber verhalten? Er hätte ihm so gern etwas gesagt;

er hat wohl Stjopka beleidigt; Stjopka wird es ihm nicht verzeihen; er glaubte Stjopkas Gedanken zu lesen:

»Nein, Herr, wenn Sie solche Besucher empfangen, da ist es nichts mehr

zwischen uns; und Sie brauchen dann auch kein Gebetbuch mehr . . . Solche

Leute suchen nicht einen jeden auf; und wen sie aufsuchen, der muß von

derselben Sorte sein wie sie selbst . . .«

Also — also erkennt Stjopka in dem Gast eine verdächtige Person . . . Wie

sollte nun er mit ihm allein im Zimmer bleiben? . . .

»Stepan, bleib doch hier.«

Aber Stjopka machte eine abwehrende Bewegung, die etwas wie Ekel verriet.

»Der Herr kommt doch zu Ihnen, nicht zu mir!«

Die Tür hinter Stjopka fiel zu. Alexander Iwanowitsch wollte ihm erst

nachrufen, er solle doch das Gebetbuch dalassen, aber . . . er schämte sich. Nun

sollte er plötzlich das für ihn, den Freigeist, kompromittierende Wörtchen

Gebetbuch aussprechen. Alexander Iwanowitsch nahm sich fest vor, vor nichts,

was auch kommen mag, zu erschrecken; denn alles, was jetzt kommt, nachdem

Stjopka das Zimmer verlassen hat, kann nur Halluzination des Gesichts und des

Gehörs sein. Die tanzenden roten Flammen an den Wänden erstarben; alles

wurde — ein tödlich fahles Grün.

 

Mit einer Handbewegung lud er den Gast ein, auf der Pritsche vor dem

Tischchen Platz zu nehmen, selbst aber blieb er neben der Tür stehen, um

gegebenenfalls entschlüpfen zu können, das Zimmer mit dem Besucher

abzusperren und selber über alle sechsundneunzig Stufen hinunterzukollern.

Der Gast stützte seinen Ellbogen aufs Fensterbrett, zündete eine Zigarette an

und begann zu plaudern; sein Profil zeichnete sich schwarz auf dem Fond des

durchs Fenster hereinströmenden, grünlichen Lichtes; hinter dem Fenster flog

der Mond zwischen Wolken dahin . . .

»Ich sehe wohl ein, daß es nicht die rechte Stunde, in der ich zu Ihnen

gekommen . . . daß ich Sie, wie es scheint, störe . . .«

»Das macht nichts, bitte sehr«, versuchte Alexander Iwanowitsch den anderen

zu beruhigen, während er selbst der Beruhigung bedurfte und mit der Hand

heimlich hinter dem Rücken untersuchte, ob die Tür offen oder zugesperrt sei.

»Aber . . . Ich habe Sie so lange schon besuchen wollen, hab’ Sie überall

gesucht, und als wir uns auch bei Soja Sacharowna verfehlt haben, bat ich diese

um Ihre Adresse; ich komme jetzt direkt von dort zu Ihnen und beschloß auf Sie

zu warten . . . Um so mehr, als ich morgen schon ganz früh verreise.«

»Sie verreisen?« fragte Alexander Iwanowitsch, denn es schien ihm, die

Worte seines Besuchers hätten in ihm ein doppeltes Echo ausgelöst: während

sein äußeres Ohr die Worte »Ich verreise ganz früh« vernommen hatte, hörte er mit einem anderen, inneren Ohr deutlich:

»Ich verreise ganz früh am Morgen, um mit der Abenddämmerung

zurückzukehren . . .«

Aber er bestand nicht auf der Beantwortung seiner Frage und fuhr fort, das

weitere mit seinem äußeren Gehör aufzunehmen.

»Ja, ich verreise nach Finnland, nach Schweden . . . Dort wohne ich; meine

Heimat ist aber — Schemacha. Ich wohne eben in Finnland, weil das

Petersburger Klima, aufrichtig gesagt, auch für mich schädlich ist.«

Ein doppeltes Echo löste wieder dieses »auch für mich« aus: das Klima von

Petersburg ist für alle schädlich, es war nicht nötig, es zu betonen.

»Ja,« erwiderte Dudkin mechanisch, »Petersburg befindet sich auf einem

Sumpf . . .«

»Ja, ja, ja . . . Für das Russische Reich ist Petersburg ein sehr bezeichnender

Punkt . . . Nehmen Sie nur die Landkarte zur Hand . . . Unsere Hauptstadt, die so

reich von Denkmälern geschmückt ist, gehört auch zum Lande des Jenseits . . .«

»Oh, oh, oh!« dachte Dudkin; »nun heißt es die Nase nach dem Winde halten,

um rechtzeitig fliehen zu können . . .«

Laut aber erwiderte er:

»Sie sagen: unsere Hauptstadt . . . Doch nicht Ihre: Ihre Hauptstadt ist ja nicht

Petersburg, sondern Teheran . . . Ihnen, als einem Orientalen, dürften die

klimatischen Verhältnisse unserer Hauptstadt . . .«

»Ich bin Kosmopolit: ich lebte ja schon in Paris und in London . . . Ja, wovon

sprach ich? — daß unsere Hauptstadt zum Land des Jenseits gehört, das pflegt

man bei den Landkarten, Reiseführern und dergleichen nicht in Betracht zu

ziehen; selbst der ehrenwerte Baedeker schweigt darüber; der bescheidene

Provinzler, der nicht vorher aufmerksam gemacht wurde, gerät schon bei dem

ersten Schritt vom Nikolaijewer oder Warschauer Bahnhof in einen Sumpf; er

hatte eben nur mit der realen Behörde gerechnet und hatte es unterlassen, sich

mit einem Schattenpaß zu versehen.«

»Wie meinen Sie es?«

»Nun eben, ganz einfach: wenn ich in das Land der Papuas gehe, weiß ich,

daß ich im Land der Papuas auf Papuas stoßen werde; über diese

Naturerscheinung hat mich Herr Karl Baedeker rechtzeitig unterrichtet; aber

denken Sie, wie ich mich fühlen müßte, wenn ich auf dem Wege nach Kirssanow

auf eine Horde schwarzer Papuas stieße (was übrigens sehr bald in Frankreich

der Fall sein wird, da Frankreich in aller Stille die schwarzen Horden bewaffnet,

um sie nach Europa zu bringen): Sie werden das erleben, übrigens dürfte es

Ihren Wünschen sehr zustatten kommen; es paßt ja so gut zu Ihrer Theorie der

Vertierung und der Kulturvernichtung: erinnern Sie sich? . . . Ich hörte Ihnen damals im Helsingforser Kaffeehaus mit Befriedigung zu.«

Alexander Iwanowitsch fühlte sich immer unbehaglicher; es fröstelte ihn;

besonders widerlich war es ihm, einen Hinweis auf die von ihm längst

überwundene Theorie zu hören; er hat diese Theorie längst als krankhaft erkannt

und verworfen; und nun jetzt, wo er sich wieder krank fühlt, tritt sie ihm in so

widerlicher Form entgegen.

»Also, wo bin ich? Ja, die Papuas: die Papuas sind, sozusagen, erdgeborene

Wesen; die Biologie der Papuas, so primitiv sie auch ist, dürfte Ihnen, Alexander

Iwanowitsch, nicht unbekannt sein. Mit einem Papua können Sie schließlich und

endlich sich irgendwie noch immer verständigen; sagen wir zum Beispiel etwa

mit Hilfe des Schnapses; und dann: selbst in Papuasien gibt es

Rechtsinstitutionen, die unter Kontrolle des papuasischen Parlaments stehen . . .«

Alexander Iwanowitsch fiel das höchst befremdende Benehmen seines Gastes

auf, dessen Stimme sich plötzlich in höchst unpassender Weise von ihm gelöst

hatte; und überhaupt verwandelte sich der unbeweglich auf dem Fensterbrett

sitzende Gast (oder betrogen ihn etwa seine Augen?) ganz deutlich in einen

Rußfleck auf der mondbelichteten Fensterscheibe, während seine Stimme,

immer lauter werdend, den krächzenden Ton eines Grammophons annahm, der

Alexander Iwanowitsch unmittelbar ins Ohr hineintrommelte.

»Der Petersburger Schatten aber ist nicht einmal ein Papua; die Biologie der

Schatten ist noch nicht erforscht. Sie werden sich nie mit dem Schatten

verständigen können, seine Forderungen nie verstehen lernen; sobald Sie

Petersburger Boden betreten, schlüpft der Schatten in Sie zugleich mit allen

möglichen Krankheitsbazillen hinein, die Sie mit dem Wasser aus den Leitungen

hinunterschlucken . . .«

 

Vom Mond beschienen und mit phosphoreszierenden Flecken überdeckt, saß er

auf seinem schmutzigen Lager und ruhte von den Angstanfällen aus; da, hier war

sein Gast gesessen: der war jetzt nicht mehr da. Diese Angstanfälle! Drei-, vier-,

fünfmal während einer Nacht; den Halluzinationen folgten klare Augenblicke.

Jetzt war sein Bewußtsein klarer wie der Mond dort hoch vor den seitwärts

dahinziehenden Wolken; und wie der Mond schien das Bewußtsein hell und

belichtete die Seele, wie der Mond die labyrinthartigen Straßenprospekte. Weit

nach hinten und nach vorn belichtete das Bewußtsein die kosmischen Zeiten und

die kosmischen Fernen.

In jenen Fernen gab es nichts: keine Menschen, keine Schatten.

Und — leer waren die Fernen.

In seinen vier einander perpendikulären Wänden kam er sich selbst wie ein in

den kosmischen Räumen eingeschlossener Gefangener vor; ein Gefangener, der — freier ist als alle anderen Menschen, für den der winzige Raum zwischen den

vier schmalen Wänden dem ganzen Raum des Alls gleicht.

Einsam ist der Raum des Alls! Sein leeres Zimmer! . . . Das All ist der letzte

Besitz an Reichtümern . . . Das eintönige All! . . . Eintönig war sein Zimmer

schon immer gewesen . . . Die Wohnung eines Bettlers muß aber prunkvoll

erscheinen im Vergleich mit der Leere des Raumes im All.

 

Die Befreiung von den Dämmerzuständen wie eine Erholung empfindend,

träumte sich Alexander Iwanowitsch hoch über alles Sinnliche der Welt hinweg.

Eine höhnische Stimme sprach:

»Der Schnaps!«

»Das Rauchen!?«

»Die wollüstigen Gefühle?«

Befand er sich auch wirklich so hoch über allem Sinnlichen der Welt?

Er senkte den Kopf: davon kommt alles: die Krankheit, die Angstzustände, die

Schicksalsschläge — von den schlaflosen Nächten, vom Rauchen, vom Trinken.

Der Schnaps!

Plötzlich fühlte er einen schmerzhaften, scharfen Stich in seinem kranken

Backzahn; er drückte die Hand auf die Wange.

Seine Irrsinnsanfälle erschienen ihm auf einmal in neuem Licht; er begriff

jetzt die Wahrheit dieses Irrsinns: er war nur die Botschaft seiner erkrankten

Sinnesorgane an das bewußte Ich; nicht der persische Untertan Schischnarfijew

verfolgte ihn, sondern seine schwergewordenen Sinnesorgane verfolgten sein

Ich; und indem sich dieses Ich vor ihnen zu retten sucht, wird es zum Nicht-Ich,

denn nur durch die Sinnesorgane kommt das Ich wiederum zu sich zurück; der

Alkohol, der Tabak und die schlaflosen Nächte untergruben seinen schwachen

Körper; unser körperlicher Organismus aber ist eng mit dem Raum verbunden;

während der Organismus zu zerfallen begann, bildeten sich auch Lücken im

Raum; in die Spalten der Sinnesorgane drangen Bazillen ein; das Räumliche

aber, das immer den Körper umschließt — füllte sich mit Visionen . . . Zum

Beispiel: Wer ist Schischnarfijew? Ein Alpdrucktraum; dieser Traum aber ist

eine Folgeerscheinung des Alkohols; Schischnarfijew ist also nichts anderes als

ein Stadium der Alkoholvergiftung.

»Du solltest nicht rauchen, nicht trinken, dann würden deine Sinnesorgane

wieder ihren Dienst tun!«

Er fuhr zusammen.

Heute hatte er jemand verraten. Wie konnte er es übersehen, daß er jemand

verraten hatte? Er hatte ja zweifellos verraten: er hatte aus Angst Nikolai

Apollonowitsch an Lipantschenko ausgeliefert; deutlich erinnerte er sich aller Einzelheiten des widerlichen Handels. Er hatte ohne zu glauben an etwas

geglaubt: das war Verrat. Ein noch größerer Verräter ist Lipantschenko selbst;

daß Lipantschenko sie alle verriet, hatte er eigentlich schon immer gewußt, und

doch verbarg er vor sich selbst dieses Wissen (Lipantschenko übte eine

besondere Macht über seine Seele aus): darin lag die Wurzel seiner Krankheit:

im furchtbaren Wissen, daß Lipantschenko ein Verräter ist; das Trinken,

Rauchen, das ausschweifende Leben waren nur Folgen; und die Halluzinationen

waren die letzten Glieder der Kette, an die ihn Lipantschenko geschmiedet hielt.

Warum tat es dieser? Weil Lipantschenko wußte, daß ihm sein Verrat bekannt ist;

nur weil Lipantschenko weiß, läßt er ihn auch jetzt nicht los.

Lipantschenko hat seinen Willen geknechtet; er hat durch diese Knechtung

seines Willens den schrecklichen Verdacht, der alles aufdecken konnte,

abzuwenden gesucht; Lipantschenko ahnte, daß in ihm, Dudkin, Mißtrauen

erwacht war, und suchte durch eine engere Gemeinsamkeit dieses Mißtrauen

einzudämmen, daher hatte er ihn keinen freien Schritt machen lassen; daher hatte

er ihn an sich gebunden; er hat in Lipantschenko seine Mystik gegossen, dieser

aber in ihn den Alkohol.

Alexander Iwanowitsch erinnerte sich deutlich der Szene im Arbeitszimmer

des Lipantschenko; der freche Zyniker und Schuft hatte es auch da verstanden,

ihn zu hintergehen; er sah jetzt deutlich vor sich den feisten Hals des

Lipantschenko mit der dicken, fetten Falte; dieser Hals hatte ihn gleichsam frech

verhöhnt, bis Lipantschenko, seinen Blick auf dem Halse fühlend, sich

umgedreht hatte; dieser aufgefangene Blick war es aber, der Lipantschenko alles

gesagt hatte.

Damals hatte er mit seiner Einschüchterungspolitik begonnen: er hatte ihn

überfallen und so alle Karten vermischt; er hatte einen tödlich verletzenden

Verdacht ausgesprochen und ihm dann einen Kompromiß vorgeschlagen: so zu

tun, als ob er dem Verrat Ableuchows glaubte.

Und Dudkin hat es geglaubt!

Alexander Iwanowitsch sprang auf und ballte in hilfloser Wut die Fäuste; das

war nun Tatsache, das ist nun geschehen.

Hier lag der Grund seines Alpdruckes.

 

Er erinnerte sich der ersten Begegnung mit Lipantschenko; der Eindruck war

wahrlich kein angenehmer gewesen; Lipantschenko hatte entschieden etwas

zuviel Interesse für die Schwächen seiner Mitmenschen gezeigt. Dieser plumpe

Körper, diese stumpfsinnig zwinkernden Äuglein konnten wohl einem

Provokateur höheren Genres angehören, nicht aber . . .

Ein solcher konnte schon manchmal auch ganz einfältig erscheinen.